Lesenwerte Artikel

In der Wikipedia vergeben wir ja gerne solch nette Anstecker, Bapperl genannt, für Artikel. Da gibt es einerseits die Exzellenten Artikel. Die sind sozusagen das nonplusultra der Artikel. Ausführlich, ausgewogen, sachlich korrekt (zumindest zum allergrössten Teil), sprachlich brilliant, eben einfach perfekt. Und nach eigener Einschätzung, ich habe natürlich nicht alle derzeit 1110 Artikel gelesen, sind sie das auch.

Und dann haben wir da noch die „Lesenwerten Artikel“. Nun mag der geneigte Leser einwerfen: Nun gut das mit dem Namen für die Exzellenten Artikel kann ich ja noch zumindest als Anspruch erkennen, aber sollten denn nicht alle oder zumindest der größte Teil der Artikel in der Wikipedia des Lesens wert sein. Und der Leser hat recht.

Deshalb sei es mir gestattet einen kleinen Exkurs zur Entstehung dieser Kategorie und des Namens zu machen.

Es war im Ende des Jahres 2004. Meine Wenigkeit und einige andere Wikipedianer sassen bei einem guten Bier in einer Hamburger Kneipe. Die Sprache kam auf die Exzellenten Artikel. Anfänglich wurden mit diesem Qualitätsmerkmal Artikel ausgezeichnet, die aus der Masse herausstachen und ja einfach ok waren. Kurz nachdem der Medienhype die Massen, darunter auch mich und vor allem auch Leute mit Ahnung, in das Projekt spülte, kam es zu einem drastischen Anstieg der Ansprüche an Exzellente Artikel. Denn wenn man sich die Kriterien für Exzellente Artikel anschaut die sind faktisch seit Anfang an unverändert und wunderbar nebulös. Und wie ich gerade sehe ist das bisschen Kalrheit auch noch verschwunden. In der Einleitung bei den Kandidaten für Exzellente Artikel findet sich kein Hinweis mehr auf irgendwelche Kriterien. Das verwundert mich etwas, was aber ein Zeichen dafür ist, wie betriebsblind man nach einiger Zeit wird.

Na egal, damals in der guten alten Zeit war es halt noch anders. Es gab nur die Exzellenten Artikel. Southpark und ich sassen da halt beim Bier und sinnierten darüber, dass es doch doof wäre nur die Top-Artikel auszuzeichnen. Denn es gab noch viele andere Artikel, die nicht ganz so ausführlich, vielleicht sprachlich etwas holpriger und ein paar Lücken hatten, aber nichtsdestostrotz ordentliche, also erzsolide, Enzyklopädie-Artikel waren. Eben die Kategorie Artikel die ein Leser erwartet ohne gleich eine Doktorarbeit lesen zu müssen. Deshalb dachten wir uns die „Erz-Soliden Artikel“ aus und Finanzer, also ich, ließ sich dazu hinreissen, einen Kriterienkatalog für diese Erzsoliden zu schaffen, was ich auch einige Tage später tat. Das war aber natürlich noch lange nicht Wikipedia-Öffentlich sondern immer noch wohl verwahrt in meinem Beuntzernanmensraum. Es gab ein paar Diskussionen im Chat und im echten Leben. Und da der Name erzsolide nicht auf rechte Begeisterung stiess, benannte ich das ganze um, in „Lesenwerte Artikel“. Alles immer noch ein rein private spinnerte Idee.

Nun begab es sich aber, dass sich ein paar Monate später ähnliche Diskussionen in der Wikipedia ergaben. Ich hatte das Projekt schon fast vergessen, da nicht wirklich auf grosse Begeisterung gestossen. Was mach ich also poste den Link zu meiner Ideen-Seite nach dem Motto: „Hier ist das schon mal ausformuliert, bedient euch“. Und zwei Tage später war Carbidfischer mutiger als ich, und macht es einfach öffentlich. Sozusagen, ab heute gibt es neben den Exzellenten auch Lesenswerte Artikel. Hui, den Aufstand werde ich nie vergessen. Meinen Arbeitgeber hat diese Aktion ca. 1 Arbeitstag gekostet, was der natürlich nicht wissen darf ;-), an dem ich nur in diversen Diskussionen, Löschanträgen etc. mein Projekt, denn das war es ja urspünglich, verteidigt habe. Und nun nach rund zweieinhalb Jahren sind die Lesenwerten ein anerkannes Qualitätsmittel der WP geworden, auch wenn sie natürlich mit dem ursprünglichen Konzept und dem Namen nicht mehr viel gemein haben. Aber das ist das Schöne an der WP. Irgendwer hat eine Idee und andere nehmen diese auf, entwickeln diese und machen sie manchmal zu was komplett anderem.

Das nun auch bei den Lesenswerten der Wahn ausbricht, dass ein Thema allumfassend beleuchtet werde muss, das lässt sich leider nur schwer verhindern. Ein klein wenig leisten da aber die von mir Kritererien eine Hilfestellung, wo all die Mängel aufgeführt sind, die bei den Lesenswerten toleriet werden. Aber leider lesen die Wenigsten die Kriterien. Geschweige denn, jemand weiß noch was die Intention des Ganzen war.

Ich glaub ich weiß nicht mehr wirklich, warum ich den Beitrag angefangen habe. Egal.

Gute Nacht

P.S. Mittlerweile habe ich den unten bereits erwähnten Christian Precht als Lesenswerten Artikel nominiert.

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