Wikisource -Themen und Projekte, Teil 1

Kommen wir also heute zum zweiten Teil meiner kleinen Reihe über Wikisource. Wie beim letzten mal angedeutet möchte ich diesmal die in Wikisource vertretenen Themen und einige größere Projekte vorstellen.

Nach meiner Beobachtung bietet Wikisource eine wesentlich größere thematische Bandbreite an Texten als andere ähnliche Projekte. Die meines Erachtens drei großen Standbeine von Wikisource sind folgende Themengebiete:

  • Historische Texte (z.B. Flugschriften, Handschriften, Gesetze und Vorschriften, Chroniken, Beschreibungen) und wissenschaftliche Aufsätze zur Geschichte die mittlerweile gemeinfrei sind
  • literarische Texte, wie z.B. Gedichte, Novellen, Romane
  • naturwissenschaftliche Texte

Der dritte Punkt ist eines der ganz wichtigen Unterscheidungsmerkmale zu anderen Projekten und auch zu anderen Sprachausgaben von Wikisource, denn solche Texte sind woanders kaum zu finden. Dass wir mittlerweile einige historische wissenschaftliche Aufsätze vorweisen können, ist eher dem Zufall zuzuschreiben, denn einer bewussten Entscheidung. Seit Anfang an arbeiten nämlich einige Leute mit, die nicht aus der historischen Ecke kommen oder sich für Literatur interessieren, sondern die eine naturwissenschaftliche Ausbildung haben und damit wird auch klar, dass ihre Interessen eher bei mathematischen, biologischen oder physikalischen Texten liegen. Und wie es so oft ist, wenn man erst mal mit sowas anfängt, gibt es andere die dadurch angeregt werden mitzuarbeiten und weitere naturwissenschaftliche Texte einstellen.

Kommen wir zu den konkreten Texten díe wir mittlerweile bei Wikisource haben. Die Auswahl ist völlig subjektiv und zufällig und andere hätten sicherlich eine andere Auswahl getroffen. Trotzdem sollte diese ein gutes Bild über die Fülle an Texten bieten, die den Leser erwarten.

Fangen wir mit den Klassiker von Wikisource an. Das sind für mich die Projekte, die wir auch schon mal aktiv in Pressemitteilungen beworben haben und die meist auftauchen, wenn die Rede auf Wikisource kommt. Da müssen wir natürlich als allererstes Projekt die Zimmerische Chronik nennen. Dies ist die Familienchronik der schwäbischen Herren von Zimmern und stellt eine herausragende Quelle zur Adelskultur des 16. Jahrhunderts, deren Werte und Familienleben, aber auch zur Volkskultur und mit ihren vielen Schwänken und unterhaltsamen Geschichten aber auch zur Erzählforschung dar. Ursprünglich wurde diese Chronik in einer Handschrift niedergelegt. In Wikisource wurde die Ausgabe dieser Chronik von Karl August Barack transkribiert, die im Jahre 1880 erschien.

Die Chronik war im Februar 2006 das erste grosse Projekt von Wikisource und die Fertigstellung hat insgesamt über 10 Monate gedauert. Ich hatte die Ehre die 2500 Seiten durch meine OCR-Software zu jagen und die einzelnen Seiten hochzuladen. Viele andere fleissige Helfer haben sich hingesetzt und all diese Seiten zweimal korrekturgelesen. Und ich muss sagen, wir waren unheimlich stolz als das Werk geschafft war. Dieses Projekt hat gezeigt, dass Wikisource lebensfähig ist und auch eine kleine Truppe in der Lage ist Grosses zu stemmen.

Das zweite Projekt was im Frühsommer 2006 durch die Presse und auch durch den Heise-Newsticker gejagt wurde, war das Rechenbuch des Andreas Reinhardt. Das ist ein Mathematiklehrbuch aus dem 16. Jahrhundert, was interessanterweise als Handschrift vorliegt, obwohl zu dieser Zeit der Buchdruck schon längst seinen Siegeszug angetreten hatte. Das Original wurde uns freundlicherweise durch eine hamburgische historische Gymnasialbibliothek zur Verfügung gestellt und die Kosten der Digitalisierung in Göttingen hat der Verein Wikimedia Deutschland übernommen. Leider ist die Transkription des Werkes noch nicht abgeschlossen, aber das was bisher hier geleistet wurde, entspricht den höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen an solch eine Edition und die Fertigstellung wird sicherlich auch nicht mehr allzulang auf sich warten lassen.

Und da ja das Korrekturlesen der Zimmerischen Chronik und das Entziffern einer alten Handschrift die nimmermüden Wikisourcler nicht wirklich ausfüllt, wurden natürlich auch neue Projekte begonnen und alte fortgesetzt. Deshalb nun eine kleine Übersicht über die naturwissenschaftlichen Texte in Wikisource

Naturwissenschaftliche Texte

Ein schon seit 2004 brachliegendes Projekt, im Wikisource-Jargon eine Projektruien, wurde dank der neu hinzukommenden Mitarbeiter fortgesetzt und zumindest einmal korrekturgelesen, die Insectenfressende Pflanzen. Vom deutschen Mathematiker Bernhard Riemann gibt es die Karl Hattendorf mitgeschriebenen, ausgearbeiteten und im Jahre 1880 veröffentlichten Mitschriften seiner Vorlesungen mit dem Titel Schwere, Elektricität und Magnetismus. Problematisch bei diesem Buch sind die vielen mathematischen Formeln, die sich einer OCR widersetzen und deshalb per Hand in Wiki-Tex nachgesetz werden mussten, was einerseits einiges an Tex-Kenntnissen aber auch an Fachkenntnissen erfordert.

Eines der etwas grösseren Projekte das auf Grund der Faszination des Textes und des Themas in sehr kurzer Zeit fertig gestellt werden konnte, ist Die Ursache des Einschlagens vom Blitze von Johann Albert Heinrich Reimarus aus dem Jahre 1769. Dabei handelt es sich um die erste deutschsprachige Monografie zum Thema Blitz und Blitzableiter. Dieses wissenschaftliche Werk ist sehr gut lesbar und vermittelt einen sehr guten Eindruck über die Schäden die Blitze jahrein, jahraus in den Städten und Dörfern anrichtete und zeigt wunderbar den Kampf der naturwissenschaftlichen Erkenntnis gegen alten Aberglaube und Unwissen. Und für mich waren besonders interessant die Schilderungen Reimarus‘, wie er den Folgen von Blitzeinschlägen nachforscht. Anhand seiner Schilderungen hatte ich sofort das Bild eines Mannes im Kopf, der in der typischen Kleidung seiner Zeit, die wir ja aus diversen Filmen kennen, auf Kirchtürmen und anderen Gebäuden seiner Heimatsstadt Hamburg herumklettert und für seine Zeitgenossen wahrscheinlich ein wenig wunderlich wirkte.

Ich konnte hier nur einen sehr kleinen Ausschnitt aus den naturwissenschaftlichen Texten bei Wikisource geben. Derjenige der in historischen naturwissenschaftlichen Texten weiterschmökern möchte , dem empfehle ich unsere Fachkategorien: Physik, Mathematik, Technik, Biologie, Chemie

So das war ein erster Streifzug durch die Texte bei Wikisource. Da dieser Beitrag ansonsten viel zu lang geworden wäre, werde ich das nächstemal fortsetzen mit der Vorstellung von historischen und literarischen Texten. Und wenn der Platz reicht auch ein paar amüsante, interessante und kuriose Texte vorstellen. Ansonsten gibt es eben noch einen dritten Teile von „Wikisource – Themen und Projekte“. Einen gesonderten Beitrag werde ich den bei Wikisource vertretenen Lexika und Enzyklopädien widmen und auch das Für und Wider innerhalb der Community versuchen darzustellen.

Bildernachweis:

  • „Hochauflösender Scan im Göttinger Digitalisierungszentrum“, Fotograf: Heiko Hornig, Lizenz: CC-BY-SA 2.5

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