Schlossbesuch

Eine einleitende Bemerkung:

Damit keine Verwirrung aufkommt, möchte ich erwähnen, dass ab heute dieser Blog nicht nur von mir alleine mit Content versorgt wird. Ich freue mich wirklich, dass nun auch Jonathan Groß dem bisher einsamen Autor Gesellschaft leistet.

Finanzer

Nun lasse ich aber Jonathan zu Wort kommen:

Finanzers Bericht über seine Besichtigung der Parfumerie mit dem Wikipedia-freundlichen Geschäftsführer vom 10. September hat mich an ein ähnliches Erlebnis erinnert.

Es war Juli 2006. Ich verbrachte zwei meiner drei Wochen Jahresurlaub auf Rügen und hatte mich entschlossen, diesmal nicht nur am Strand zu So siehts von Süden ausliegen und durch die Wälder zu streifen, sondern auch den Rest der Insel kennenzulernen. Also fuhr ich mit dem Fahrrad mal hierhin, mal dorthin und kam auch nach Lietzow. Dieses kleine, verschlafene Dorf am Rand der B 96 war einst ein florierendes Seebad, in dem sich ein reicher Beamter sein Schlösschen errichtet hatte. Dieses Schlößchen muss nach 1945 seinem Besitzer entrissen worden sein, wurde nicht besonders pfleglich behandelt und bot nach der Wende dem Besucher keinen hübschen Anblick mit der grauen, verfallenen Fassade und den vernagelten Fenstern.

Aber ein Segen der Wende, die Sanierung der alten Bausubstanz, verirrte sich auch hierher. Das Schloss ging in Privatbesitz über und wurde nach und nach saniert. Seit einigen Jahren grüßt den Touristen wieder eine schneeweiße Fassade.

Jetzt aber zurück zu meiner Geschichte! Ich war also mit dem Fahrrad unterwegs und sah das Schloss vielleicht zum hundertsten Mal. Aber ich war ihm noch nie nahe gekommen, geschweige denn drin gewesen! Also fasste ich mir ein Herz, radelte den steilen Berg hoch und gelangte ans Tor. Dort vermittelten Bretter, Werkzeug, ein Betonmischer und ein Kiesberg den Eindruck, als wäre die Renovierung noch nicht abgeschlossen. Im Garten sah ich jemanden. Auf meinen Anruf kam er ans Gartentor und fragte mich nach meinem Begehr. Ich stellte mich als (Berliner) Autor der freien Enzyklopädie Wikipedia vor und fragte ihn, ob es möglich ist, dass ich vom Schlossturm aus die Landschaft fotografiere. Wikipedia war ihm unbekannt. Er empfahl mir, zwei Tage später wiederzukommen, wenn die Besitzerin da sei.

Zwei Tage später war ich wieder da. Weil ich niemanden im Garten sah, ging ich hinein und klingelte. Nach einer Weile öffnete sich die Tür, und ich stand der Hausherrin gegenüber. Etwas nervös trug ich mein Anliegen vor. Sie blickte etwas skeptisch, hat vielleicht schon schlechte Erfahrungen mit Trickbetrügern gemacht. Zum Glück kam in diesem Moment der Herr dazu, mit dem ich am Dienstag gesprochen hatte. Er war bei Aldi mit ein paar Berlinern ins Gespräch gekommen, die sich als Freunde von mir herausstellten. Er hatte ihnen von dem Berliner erzählt, der vor zwei Tagen bei ihm geklopft habe. Nur gut, dass ich meinen Freunden auch von meinem Besuch in Lietzow erzählt hatte! So kannten sie die Geschichte und konnten bestätigen, dass ich harmlos war und genau das wollte, worum ich gebeten hatte: Fotos vom Schloss. Also bat mich die Hausherrin herein und ließ sich von mir bei einer Tasse Tee alles über Wikipedia erzählen. Sie konnte leider nicht lange bleiben, aber meine Führung bekam ich trotzdem. Das Schloss war schon tadellos hergerichtet und sah sehr gemütlich aus. Wir stiegen zügig auf den Turm, dessen Treppe noch ein richtiges Abenteuer war (daher das Baumaterial, dachte ich mir).
Links der kleine, rechts der große Jasmunder Bodden

Oben angekommen bot sich mir ein wundervoller Anblick. Ich könnte mich noch heute schwarz ärgern, dass ich keine bessere Fotoausrüstung hatte und nur minderwertige Fotos knipsen konnte.

Lietzow liegt dort, wo vor hundert Jahren fleißige Eisenbahner einen Damm zwischen dem Kleinen (links) und dem Großen Jasmunder Bodden aufgeschaufelt hatten. Der Blick auf dem Foto geht nach Südwesten. Nach Süden sähe man die Granitz, im Südosten die Feuersteinfelder, im Osten die Fährhäfen von Sassnitz und Mukran. Leider habe ich diese Fotos irgendwo verschusselt.
Jedenfalls war mir diese Geschichte eine Lektion in Sachen Wikipedia und in Sachen „sei mutig!“

1 Gedanke zu „Schlossbesuch“

  1. Ganz abgesehen von Euren ganz privaten Tagen des offenen Denkmals war ja gestern auch der offizielle… Ich war in Mosisgreut (ein ehemaliges Rittergut, das auch hier in Oberschwaben kaum jemand kennt). Dazu gibt’s bei Wikisource folgende dürre Information von 1836:
    http://de.wikisource.org/wiki/Beschreibung_des_Oberamts_Ravensburg/Gemeinde_Vogt (unter Nr. 55)

    Ausführlicher schon die Bausubstanzbeschreibung online hier:
    http://www.homa-rw.de/centix/de/referenzen/restaurierungen/neue_projekte/vogt_rittergut_mosisgreut.html

    Und aktuell sieht’s so aus:
    http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Mosisgreut

    Vielleicht versuche ich irgendwann mal, einen WP-Artikel dazu zusammenzuzimmern…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *