Sprachübergreifende Professionalisierung von Wikisource?

Das Projekt Wikisource zur Sammlung gemeinfreier Texte in sämtlichen Sprachen der Welt ist in zahlreiche Subdomains nach vielen Sprachen unterteilt. Die größte Sprachversion ist (natürlich) die englische, gefolgt von der französischen, der spanischen und der deutschen. Diese Aufteilung sorgt für eine große Diskrepanz der Standards. Ich schmeichle nicht, wenn ich dem deutschsprachigen Projekt die höchte Professionalität zuschreibe: Die Texte sind nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten kategorisiert, überwiegend mit Scans versehen und werden nach strengen Richtlinien gegengelesen. Dadurch wird das Wachstum des Angebots natürlich verlangsamt, aber dafür sind die Texte ausgesprochen zitierfähig. Sogar Kritiker der Wikipedia haben sich mir gegenüber positiv über dieses Projekt geäußert.

Auf der Wikipedia Academy wurde mit bewusst, welche Bedeutung der professionelle Aufzug von Wikisource hat: Finanzers Michails Vortrag hat die anwesenden Wissenschaftler derart angeregt, dass sie nachher mit mir über mögliche Kooperationen der Universitätsbibliotheken mit Wikisource gesprochen haben (!). Dabei fiel auch die Frage, ob Wikisource in mehreren Sprachen existiert. Ich antwortete getreu dem Sender Jerewan: „Im Prinzip ja, aber alle mit unterschiedlichen Standards.“ Das war noch beschönigend formuliert. Zwar gibt es in der französischen Wikisource Ansätze, wenigsten das Korrekturlesen per Software-Erweiterung zu ermöglichen (ein Feature, das in der dt. Wikisource schon kurz nach der Auskoppelung aus dem mehrsprachigen Projekt existierte), und die engl. Version bietet für einen Bruchteil ihrer Werke auch Scans an, aber andere Aspekte, wie eine sinnvolle Systematik zur Erfassung der Texte, zentrale Editionsrichtlinien und bibliografische Angaben sind bislang sträflich vernachlässigt worden.

Aus diesem Grund habe ich mir ein Herz gefasst und durch einen Beitrag im zentralen Scriptorium eine Diskussion angeregt, in welcher Weise auch andere Sprachversionen als die deutsche vergleichbare Standards einführen können. Ich persönlich habe ohnehin keine Zeit, ein paar Dutzend Riesenprojekte zu studieren, zu analysieren und umzukrempeln, und würde mir dabei auch sicher die Schnauze einrennen, aber ich hoffe auf individuelle Eingebungen. Leute, die mutig genug sind, zu den Schwächen ihres Projektes zu stehen und an ihnen zu arbeiten.

[00:07] Nachtrag: In den letzten dreieinhalb Stunden hatte ich ein aufschlussreiches Gespräch mit Admins der englischen Wikisource. Es gibt dort bereits Ansätze zu einer Professionalisierung, aber sie sind noch nicht überall zu sehen. Immerhin existiert dort ein Verantwortungsbewusstsein und eine Dialogbereitschaft, die mich sehr hoffnungsvoll stimmen, dass aus dieser Sprachversion noch was werden wird!

[10:45] Noch ein Nachtrag: Auch auf der italienischen Wikisource existiert ein solches Verantwortungsbewusstsein und eine erfreuliche Dialogbereitschaft. Es sieht so aus, als hätte ich einen Stein einen Abhang hinabgeworfen, und schaute einer Lawine beim Entstehen zu :)

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