Wikipedia-Tag in Bern

Mittlerweile bin ich ja wieder seit einigen Stunden in den großen Kanton im Norden zurückgekehrt. Gestern abend habe ich es nicht mehr geschafft meine Eindrücke hier im Blog niederzuschreiben. Aber das hat auch seine Vorteile denn mittlerweilen liegen alle Vorträge des Tages als Podcast vor, so dass man sich diese, falls man den Livestream verpasst hat, anhören kann. Zusätzlich gibt es einen Mitschnitt einer Livesendung für das Radio Kanal Ratte, die im Anschluss an die Veranstaltung aus Bern gesendet wurde.

Im folgenden gehe ich einfach mal das Programm durch und werde die Links zu den Vorträgen einstreuen, so dass ich mir viele Worte über den Inhalt sparen kann und nur meine Eindrücke hier niederlegen werde. Aber zuvor möchte ich erstmal den Schweizer Vereinskollegen gratulieren zu einer tollen und sehr interessanten Veranstaltung. Leider war die zahlenmäßigen Resonanz nicht ganz so groß wie erhofft, aber ich denke die Leute die da waren, die haben einen guten Einblick in Wikipedia und angrenzenden Themen erhalten.

Zu Beginn hielt die jüngste Großrätin (Was das genau ist konnten mir nicht mal die Schweizer sagen. Es ist aber einfach nachzuschlagen: Grossrat) der Schweiz Nadine Masshardt eine Grußansprache in der sie sich als Vertreter der Gratis-Internet- und Wikipedia-Nutzer-Generation outete. (Podcast). Irmgard hielt einen Vortrag mit dem Titel „Arbeit in umstrittenen Wikipedia-Artikeln“ (Podcast). Delphine Ménard als Vertreterin der Wikimedia Foundation hielt ihren Vortrag über den Freiheitsbegriff, wie wir ihn verstehen, zwar in englisch, aber das äußerst witzig und sehr kurzweilig (Podcast). Der Vortrag war ein Highlight des Tages.

Nach der Mittagspause ging es weiter mit einem Vortrag zu den Erfahrungen der Geschichtswissenschaft mit der Wikipedia (Podcast) und einem Vortrag zum Urheberrecht (Podcast). Im Anschluss habe ich Wikisource vorgestellt (Podcast).

Sehr interessant und auch sehr informativ war der Vortrag von Dr. Marco Jorio zum Historischen Lexikon der Schweiz. Die Macher dieses Projektes haben bereits in den frühen 1990er Jahren begonnen, das Lexikon komplett elektronisch zu erstellen und haben auch sehr früh erkannt, dass das Internet eine wichtige Publikationsform für sie darstellt. Das Lexikon kostet den Steuerzahler in der Schweiz rund 100 Millionen Franken (etwa 60 Mill. Euro). Auch deshalb entschloss man sich sehr frühzeitig die Texte online zu stellen und damit der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung zu stellen. Das HLS ist sehr stolz auf die Qualität des Lexikon, man freut sich aber weniger über Mails des Inhaltes „Ich fand ihren Artikel zu dem und dem Thema sehr interessant und gut geschrieben deshalb habe ich ihn die Wikipedia kopiert“. Da man aber nicht wusste wie man mit solchen Urheberrechtsverletzungen umgehen soll, hat man es erstmal geduldet. Der erwähnte Artikel ist aber mittlerweile gelöscht und neu erstellt worden. Außerdem habe ich Herrn Jorio die Mail-Adresse des OTRS gegeben, so dass solche Sachen in Zukunft schnell geklärt werden können. Für mich als Deutscher war aber noch ein anderer Aspekt den Herr Jorio ansprach sehr verblüffend.

Wie sicherlich die meisten wissen ist die Schweiz ein multilinguales Land. Neben Deutsch, wird dort auch Französisch, Italienisch und Rätoromanisch gesprochen. Ein Großteil der Kosten für dieses Projekt wird deshalb für die Übersetzungen der Texte in die jeweils anderen Sprachen verwendet. Auch das Webportal des HLS ist viersprachig. Herr Jorio befürchtet aber, dass die Wikipedia mit ihrer strikten Trennung der Sprachen und der unterschiedlichen Qualität der Artikel (wenn sie denn überhaupt vorhanden sind) in den verschiedenen Sprachen, zur Desintegration der Schweiz beitragen könnte. Für mich als jemand der in einem Land lebt, indem faktisch nur eine Sprache gesprochen, ist das ein hochinteressanter Aspekt (Podcast).

Dr. Donat Agosti hielt einen Vortrag über das Projekt Antbase.org. Herr Agosti ist Ameisenforscher und arbeitet bei einem Projekt mit, in dem alle wissenschaftlichen Arbeit bzw. Beschreibungen über Ameisenarten erfasst und durchsuchbar gemacht werden. Das Projekt insgesamt steht zwar unter einer freien Lizenz, kämpft aber mit dem Umstand, dass viele der Arbeiten nicht frei sind. Alle Arbeiten werden z.B. per OCR erfasst und die gewonnen Informationen in einer Datenbank gespeichert. Die Arbeiten, die entweder gemeinfrei sind oder unter einer freien Lizenz stehen sind auch im Volltext einsehbar. Wichtig für unsere Biologen in der Wikipedia ist aber, dass quasi per Bot aus den in dieser Datenbank stehenden Informationen Artikel zu allen 22.000 Ameisenarten erstellt werden könnten, da es zu dieser frei verfügbare Schnittstellen gibt. Wenn ich Herrn Agosti richtig verstanden habe, würde er dies sehr begrüssen und steht auch für Anfragen und Informationen zur Verfügung (Podcast).

Die von Manuel Schneider im Anschluss an den Wikipedia-Tag live produzierte einstündige Radio-Sendung ist meines Erachtens sehr gut gelungen, wenn auch akustisch hier und da etwas gestört, was aber dem mehr als improvisierten Studio geschuldet ist. Auch ich wurde vor das Mikro gezerrt und habe ein paar Bemerkungen zur Wikipedia und zu Wikisource abgeben dürfen. Die Sendung ist eine Stunde lang, aber die Musikeinspielungen darf man getrost überspringen. (Podcast)

Zum Schluß möchte ich mich bei Corin und Robin für die Gastfreundschaft und die herzliche Aufnahme danken. Ich habe mich bei euch sehr wohl gefühlt und freue mich euch kennengelernt zu haben.

Und zum allerletzten erlaube ich mir noch ein paar persönliche Eindrücke in Stichworten wiederzugeben:

  • Man sollte nicht um zwei Uhr ins Bett gehen, wenn man weiß, dass man um 5:30 wieder aufstehen muss.
  • Schweizer Geldscheine sind schrecklich bunt, zeigen aber keine Königinnen aber auch keine Kartoffeln
  • Ich war verblüfft, wie schnell Schweizer zwischen verschiedenen Sprachen wechseln können. Beim Mittagstisch wurde wild zwischen hochdeutsch, schwyzerdütsch, französisch und englisch gewechselt.
  • Schweizer lernen mindestens zwei Fremdsprachen, eine davon ist zumindest für deutschprachige Schweizer immer hochdeutsch.
  • Ich habe gelernt, dass selbst für Schweizer der Anblick von Männer auf Fahrrädern und in der Straßenbahn mit Gewehren (wohlgemerkt es geht nicht um irgendwelche Schrotflinten), die noch schnell zu ihrem jährlichen Schießtraining fahren, nicht unbedingt normal ist.
  • Käsefondue ist lecker und macht richtig satt, danke für das leckere Abendmahl
  • Soooo langsam sind Schweizer auch nicht, wenn die erstmal in Schwyzerdütsch loslegen, verstehe ich nur Bahnhof

Kurz und gut, auch wenn es nur sehr kurz da war, es hat richtig Spaß gemacht und ich werde gern wiederkommen.

 Update (1. Oktober 2007) :

Reaktionen zum Wikipedia-Tag in anderen Blogs finden sich auf der Webseite zum Wikipedia-Tag. Darunter auch ein Beitrag von Jan Hodel, der u.a. auf meinem Vortrag zu Wikisource eingeht.

8 Gedanken zu „Wikipedia-Tag in Bern“

  1. Wo ist der Witz? Das -o- wird lang gesprochen, deshalb steht nach wie vor dahinter ein -ß-. Die Schweiz hatte dieses -sz- doch ohnehin nicht. So what?

  2. Also für 60 Millionen Euro erkläre ich mich gerne bereit, die Übersetzung der schweizbezogenen Artikel in ein paar Fremdsprachen in die Wege zu leiten…

  3. @ felino: Ja, eben. Die Schweiz hat kein ß. Und wenn man es in der Wikipedia trotzdem in schweizbezogenen Artikeln verwendet, gibt es regelmäßig Haue.

  4. @Marcus: Gut zu wissen. Gottlob bin ich die Schweiz betreffend hinreichend unterbelichtet und werde deshalb wohl nie in die Verlegenheit einer „Grossrätin“ kommen …:-)

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