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Mai 10 2012

Ohne von wirklichem Vorteil für die Allgemeinheit?

Heise Online verweist heute in einem Newsartikel auf ein Positionspapier der VG Wort in dem diese zuerst behauptet, dass im aktuellen Urheberrecht alles knorke sei. So wird zwar zu Recht daraufhingewiesen, dass es Schranken im Urheberrecht gibt, die es ermöglichen auf geschützen Werken aufzubauen und diese frei zu verwenden. Dass diese Schranken arg eng gesteckt sind, wird aber verschwiegen. Außerdem gibt es ja Creative Commons Lizenzen, mit denen man sowas explizit erlauben würde. Auch seien ja analoge und digitale Privatkopien erlaubt, ohne allerdings zu erwähnen, dass ein Kopierschutz diese Schrankenregelung wieder aushebelt.

Am dreistesten wird es aus meiner Sicht als Wikipedia-Autor und Wikisource-Mitarbeiter aber im Abschnitt 3 mit dem Namen „Hände weg von Schutzfristen“. Zitat:

. Eine Schutzfristenverkürzung würde das
geistige Eigentum der Urheber deutlich entwerten ohne von wirklichem Vorteil für die
Allgemeinheit zu sein.

Bei dieser Behauptung kräuselt es mir die Fußnägel hoch. Dazu gehört auch der Umstand, dass die Schutzfrist derzeit bis 70 Jahre nach dem TOD des Urhebers läuft und eine Verkürzung das „Eigentum“ der Urheber also überhaupt nicht entwerten kann, weil es nicht mehr sein Eigentum ist, sondern dass seiner Erben. Geschenkt.

Wichtiger ist mir aber der zweite Teil der Behauptung, der für mich überhaupt nicht nachvollziehbar ist. Dafür zähl ich einfach nur mal ein paar Dinge aus meiner langjährigen Erfahrung bei Wikipedia und Wikisource auf, die der Allgemeinheit sehr wohl nutzen würden:

  • In der Wikipedia klafft eine riesige Lücke bei der Bebilderung von Artikeln zu Themen, die das 20. Jahrhundert betreffen. Sei es der Erste und Zweite Weltkrieg, moderne Kunst oder Politik und Gesellschaft der letzten Jahrzehnte. Mit einer drastischen Verkürzung der Fristen, könnten viel mehr Artikel mit den Werken von Künstlern illustriert werden, könnten Fotos und Zeichnungen der Ereignisse in die entsprechenden Artikel eingebaut werden. Und das wäre kein wirklicher Vorteil für die Allgemeinheit?

Im Artikel bei Heise wird auf eine Studie verwiesen, die zeigt, dass die langen Schutzfristen die Verfügbarkeit von Werken sehr wohl behindern und damit von Nachteil für die Allgemeinheit sind. Die folgende Grafik zeigt die Anzahl der bei Amazon vorhandenen Werke, gruppiert nach Jahrzehnt des Erscheines.

Die gleiche Situation, natürlich mit dem Unterschied bei Werken aus den letzten Jahrzehnten, ergibt sich bei Wikisource, wie die folgende Tabelle zeigt:

Jahrzehnt des Erscheines Anzahl Werke bei Wikisource
1900er 1930
1910er 1187
1920er 1209
1930er 529
1940er 16
1950er 8
1960er 12

Die weiteren Jahrzehnte spare ich mir mal, da es da nicht besser wird. Die wenigen Werke aus den Jahrzehnten nach 1940 sind zudem fast alles Gesetze und Gerichtsurteile.

Ein paar wenige absurde Beispiel, was uns derzeit auf Wikisource nicht möglich ist:

  • Eine im Jahr 1901 erschienene Doktorarbeit über ein historisches Thema, wird erst im Jahr 2026 gemeinfrei, da der Autor diese im Alter von 19 Jahren schrieb und später als Gymnasiallehrer und -direktor arbeitete und nie wieder als Historiker auftauchte. Diese Arbeit ist sicherlich nur von wissenschaftshistorischem Interesse, immerhin wird aber von bekannten Historikern der Zeit auf diese Arbeit verwiesen. Vermutlich sind sich die Erben dieses Gymnasialdirektors überhaupt nicht bewusst, dass sie die Urheberrechte an dieser Arbeit besitzen, kommerziell auswertbar wären sie ohnehin nicht mehr. Ein Themengebiet bei Wikisource könnte mit dieser Arbeit aber abgerundet werden. Kein wirklicher Vorteil für die Allgemeinheit?
  • Die Werke der von den Nazis im Jahr 1944 ermordeten Frauenrechtlerin und Dichterin Frida Spandow, können bis zum Jahr 2015 nicht der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Bei Amazon gibt es überhaupt keine Werke von ihr und bei Google Books sind die Werke nicht einsehbar. Vermutlich sind ihre Werke verwaist, aber derzeit ist es nicht möglich ihre Werke bei Wikisource einzustellen. Wir würden es gerne tun und an sie und an viele andere von den Nazis Ermordeten erinnern. Das wäre kein wirklicher Vorteil für die Allgemeinheit?
  • Bei einigen Werken können wir nur den Text aber z.B. nicht die Illustrationen oder den künstlerischen Einband des Werkes zur Verfügung stellen, da diese weiterhin geschützt sind. Hier würden wir natürlich gern diese Werke in ihrer ganzen Pracht abbilden. Kein wirklicher Vorteil für die Allgemeinheit?
  • Bei Wikisource gibt es einige Texte zur Geschichte der Relativitätstheorie. Zitat Wikipedia: „Einsteins Hauptwerk, die Relativitätstheorie, machte ihn weltberühmt. Im Jahr 1905 erschien seine Arbeit mit dem Titel Zur Elektrodynamik bewegter Körper, deren Inhalt heute als spezielle Relativitätstheorie bezeichnet wird. 1916 publizierte Einstein die allgemeine Relativitätstheorie.“ Die Veröffentlichung dieser Arbeiten ist also mitllerweile rund 100 Jahre her. Nur wir können diese Arbeiten bei Wikisource nicht veröffentlichen, da diese erst im Jahr 2026 gemeinfrei werden. Die vollständige Darstellung der Geschichte eines der wichtigsten und folgenreichsten physikalischen Forschungsergebnisse, der Rezeption und Diskussion dieser Ideen wäre also kein wirklicher Vorteil für die Allgemeinheit?

Natürlich gibt es einige wenige Autoren deren Werke immer noch geschützt sind und die weiterhin aufgelegt und vertrieben werden, die allergrößte Masse der Werke steht derzeit aber der Allgemeinheit nicht zur Verfügung und Projekt wie Wikisource, die dies ermöglichen wollen, können dies schlicht nicht. Und ich empfinde es als eine Schande für  eine Kulturnation, dass so viele Werke auf Grund absurd langer Schutzfristen dem Vergessen anheimfallen.

15 Kommentare

2 Pings

  1. Dr. Azrael Tod

    Schön zusammengestellt..
    Leider sind wohl Argumente nicht das was fehlt um die Leute zu überzeugen, sondern eher eine großangelegte Werbecampagne wie sie die Gegenseite fährt. :-/

  2. MysticMagican

    Auch eine große Kampagne hilft hier wenig.
    Helfen würde es, wenn diese ganzen verstaubten Kalkschädel aus den Entscheidungspositionen “entfernt” würden.
    Denn das Problem ist überall das selbe, Äpfel treffen Entscheidungen für Birnen… (Was da vorher stand, wäre nicht besonders nett gewesen)

  3. Thomas

    Weiß nicht mehr, wo ich das gelesen habe, aber ich fand die Logik anwendungswert:

    warum eine neu erfundene, neu geschaffene Technologie nur 15 Jahre geschützt werden kann (Patent), ein künstlerisches Werk aber (behält man die durchschnittliche Lebensdauer der Menschen heute im Blick) so ca. an die 130-150 Jahre? Warum also die Erfindung des Prozessors für Computer 10mal kürzer schützenswert ist als irgend ein geschriebens, gemaltes, photographierts und als Kunst deklariertes Ding?

    Besonders absurd finde ich sowas bei Werken, die ein Schauspiel sein sollen, also zb. dass die Erben von Brecht bis heute darüber mitbestimmen dürfen, wie dessen Schriften aufzuführen sind und wie nicht.
    Was gerade bei Brecht eine historische Ironie sondergleichen ist. Der war ja bekanntermaßen nicht der Fanboy der Verwertungslogik von Kultur.

    Sardonisch bis zynisch wird das bei Leuten wie Adorno, deren Werke über die Kulturindustrie erst im Jahre 2032 gemeinfrei werden. Wegen den Wünschen dieser Industrie selbst. Immerhin dürfen wir heute schon alle lesen, was Walter Benjamin über Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit gedacht hat. Auch wenn wir das erst seit knapp 5 Jahren der Fall ist (Erstveröffentlichung 1936).

  4. Thomas

    sehr passend dazu Herr Brecht selbst: “Was Brecht an dem Kunstwerkaufsatz schätzte, wird in einem Schreiben an Mordecai Gorelik im März 1937 deutlich, dem er die Schrift empfiehlt: „eine Arbeit […] von Benjamin, in der er feststellt, wie revolutionierend die Tatsache, daß man Kunstwerke technisch massenhaft vervielfachen kann (Fotografie, Film), auf die Kunst und Kunstauffassung einwirkt.“”

    http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Kunstwerk_im_Zeitalter_seiner_technischen_Reproduzierbarkeit#Die_Kritik_Brechts

    Über diese Revolutionspotentiale der Kunst selbst wird ja heute seitens der Künstler allzu lautstark geschwiegen…

  5. Yo

    Verlage argumentieren, dass die Investitionen für unbekannte Künstler/Schriftsteller zu hoch wären, wenn sie nach deren Tod die Rechte an den verlegten Werken verlieren würden. Potentiell gingen ihnen 80 Jahre verloren, in denen man die Werke gewinnbringend vertwerten könnte. So gesehen ist es doch sehr wohl eine Schmälerung des Marktwertes eines Künstlers/Schriftstellers, wenn man diese Regelung abschafft, weil es für die Verlage unattraktiver ist, seine Werke zu verlegen und die damit verbundenen Risiken zu tragen.

    1. Dr. Azrael Tod

      Selbst wenn das ein sinnvolles Argument wäre, könnte man immer noch sagen “gilt 30 Jahre oder bis zum tod, je nachdem was später eintrifft” oder generell auf n Jahre beschränken.

    2. Thomas

      Störend an solcher Argementation ist wahrhaftig deren Rationalitätstyp.

      Von woher fordern Verlage, eine dermaßen geartete Profitgarantie zugesprochen zu bekommen? Und dann über eine solch lange Zeit?

      Kreditausfallversicherung gegen unprofitable Künstler oder was? 140-170 Jahre lang? 60 Jahre würden zudem wahrscheinlich keinesfalls ausreichen?

      Mag hart klingen, aber man kann im Kapitalismus auch gewaltige Verluste einfahren. Das gehört zum Spiel dazu, für jeden. Dagegen können gute Kenntnisse von Betriebswirtschaft und vor allem von Volkswirtschaft helfen. Ich betone gute Kenntnisse /. Und eine gewisse Portion Humor statt Abendlanguntergangsängste.

  6. Yo

    Ich finde ja grad eine Schutzfirst bis 20 Jahre nach dem Tod des Künstlers ganz cool. Dann kann der Schriftsteller noch ganz cool davon leben und die Verlage können ihre Kasse noch ein bisschen aufbessern und eine freie Nutzung für die Allgemeinheit ist auch absehbar. Ich finde das übrigens ein ziemlich einleuchtendes Argument, dass ein Verlag nicht an jedem Schriftsteller wirklich verdienen kann. Bei den meisten dürfte es, wenn überhaupt ein Nullsummenspiel sein. Weiß da jemand was genaues? Ich habe da gerade nur krude Vermutungen… leider. Bin dankbar für Input!

    1. nk

      Wieso sollte bitte ein Verlag sein „Kasse ausfbessern“ dürfen. Ein Verlag ist ein Dienstleister. Der wird für seine Leistung gescheit bezahlt und dann muss er ne neue Leistung. So und nicht anders hätte das auszusehen. Und wenn schon Immaterialgüterrechte, dann bitte wirklich nur an Autor und Erben. Alles andere ist in der Debatte um die „geistige Wertschöpfung“ nämlich pure Scheinargumentation.

    2. nk

      Wieso sollte bitte ein Verlag sein „Kasse aufbessern“ dürfen?! Ein Verlag ist ein Dienstleister. Der wird für seine Leistung gescheit bezahlt und dann muss er für seinen Fortbestand ne neue Leistung erbringen. So und nicht anders hätte das auszusehen. Und wenn schon Immaterialgüterrechte, dann bitte wirklich nur an Autor und Erben. Alles andere ist in der Debatte um die „geistige Wertschöpfung“ nämlich pure Scheinargumentation.

  7. mx

    Gerade die Regelung nach dem Todesjahr, halte ich persönlich ethisch und moralisch für bedenklich gegenüber Opfern von Verfolgung und Verbrechen (und deren Nachfahren). Diese verloren Leben nicht nur ihr Leben auch ihre Werke erhalten dadurch auch einen kürzeren Schutz.
    Nicht zuletzt ein kürzeren Schutz als Werke von Literaten im Dienste des Nationalsozialismus welche erst später eines natürlichen Todes verstarben.

    Hier unterscheidet sich mein Rechtsempfinden deutlich vom aktuell geltenden Recht.

    Eine Regelung nach Geburtsjahr + x (x kleiner 120 Jahre) oder Werkveröffentlichung fände ich wenigstens einen Schritt fairer als die jetzige Regelung.

    1. Nightknight

      Ein sehr interessanter Artikel, gefällt mir.

      Man könnte (in Ergänzung zu dem Beitrag von mx) sicherlich noch diverse Veröffentlichungen aus der Zeit des Nationalsozialismus hinzufügen wie z.B. von Goebbels: Noch immer müssen für seine “Werke” z.B. bei Lesungen Urheberrechtsabgaben bezahlt werden. Lange Jahre ging dieses Geld anscheinend an den Nazi-Helfer François Genoud (siehe z.B. http://www.rowohlt.de/fm/131/Winkler_Schattenmann.pdf).

      Im Interesse der Allgemeinheit?

  8. Graciosa

    Man könnte argumentieren, dass das aktuelle Urheberrecht OK sei aber dann muss man die privaten Firmen an die Leine legen, damit sie aufhören jede Bagatelle zu verfolgen und nebenbei das Bürgerrechte zu beschneiden.

  9. Andreas Moser

    Ich verstehe die Kritik an der 70-Jahre-Schutzfrist nicht: Wer nicht das Urheberrecht an einem Buch sondern ein Grundstück oder eine Firma erbt, behält dieses Recht ohne jede zeitliche Begrenzung. Wieso sollten die Erben der Urheber schlechter gestellt werden?
    Wenn schon, dann muß diese Diskussion zum Anlaß genommen werden, vollständig über das Erbrecht nachzudenken: http://mosereien.wordpress.com/2012/06/01/urheberrecht-erbrecht-schutzfristen/

    1. Dr. Azrael Tod

      Der Sinn des Urheberrechtes ist nicht dass du oder deine Erben toll davon leben können sollen, sondern dass du ermuntert wirst Werke zu schaffen. Nach deinem Tod ist das etwas schwierig.
      Es gibt auch einen Unterschied zwischen “Ich erbe ein Haus”, bei dem man weiterhin Aufwand und Kosten hat um damit Geld oder Vorteile einzunehmen, bzw. das selbstständig verfällt und einem Buch welches sonst einfach für jeden verloren ist wenn du keinen Aufwand reinsteckst (und wenn es nur ist zu nicken wenn dich jemand fragt ob er das Buch nachdrucken darf) und dir ohne nennenswerten Aufwand weiterhin Geld einbringt.

      Du kannst auch problemlos physikalische Waren vererben die du mit einnahmen aus deinen Werken gekauft hast, wenn du also für deine Erben sorgen willst, geht das prima auf diesem Weg. Erbschaftssteuer auf “damit könntest du evtl. Geld verdienen” kann man hingegen nicht regeln.

      Weiterhin: es gibt einen ganz einfachen, praktischen Grund. Durch 70 Jahre Schutzrechte nach dem Tod des Autors ergeben sich so Dinge wie “darf 140 Jahre nicht beliebig genutzt werden”. Wer will ständig bei >100 Jahre alten Werken nachsehen wer sie geschaffen hat, wann/ob dieser gestorben ist und ob man das nutzen darf?
      Welches Werk das vor >100 Jahren geschaffen wurde, bist du der Meinung dass es heute noch schützenswert ist?
      Also im Sinne von: “Das darf keiner nachdrucken/beliebig verarbeiten, weil sonst der Autor in seinen Rechten verletzt wäre”

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