Launch bei zeno.org

Leicht verspätet (die Party war am Samstag, dem 29. September), aber noch nicht outdated kommt hier noch eine kleine Impression von der Zeno.org-Launch-Party. Achim Raschka hat mich eingeladen, dort dem Countdown zum offiziellen Start des Projekts im Netz beizuwohnen. Wellen geschlagen hat das Ereignis zum Beispiel im Heise-Newsticker.

Anwesend waren Verlagsangehörige und deren Bekannte, geladene Gäste aus der Berliner Verlagsszene (mein Onkel mit seinem Weltbühne-Digitalisierungsprojekt war zufällig auch da; die Welt ist klein!), und natürlich: Wikipedianer. Der Abend war also prädestiniert für einen Austausch der Erfahrungen. Im Gespräch mit den Geschäftsführer Erwin Jurschitza wurde mir wieder einmal bewusst, dass die Formatierung mit MediaWiki mindestens problematisch, eigentlich aber stümperhaft ist. XML-Standards bieten weitaus diffizilere Mittel der Textauszeichnung.

Zeno.org [spricht: zeno dot org] stellt wie Wikisource Volltexte gemeinfreier Literatur bereit, meist mit Scans. Aber diese Arbeit wird nicht von Freiwilligen geleistet, sondern von Dienstleistern. Dadurch kann Zeno.org viel größere Mengen wesentlich schneller bearbeiten. Dass die Qualität bei Wikisource immer noch höher ist, und dass Dienstleister bei Sütterlinschrift oder gotischen Minuskeln versagen, muss ich hier nicht erwähnen :). Ein besonders löblicher Ansatz: Die Digitalisate bei Zeno.org sind gemeinfrei und bleiben es auch.

Zeno.org möchte nach dem Vorbild ihres Namenspatrons Zenodot von Ephesos die größte Bibliothek im Internet aufbauen. Dieses Vorhaben ist schon der wesentliche Grund, warum Zeno.org kein Rivale für Wikisource ist. Konkurrenz im wörtlichen Sinne eines Mit-Läufer-tums (lat. con-currere „mit-laufen“) ist es trotzdem, aber ein Neben-Laufen, kein Gegen-Laufen. Schließlich will Wikisource lediglich ausgewählte Texte in besonders hoher Qualität anbieten.

Eine Kooperation zwischen den Projekten wäre sehr wünschenswert. Immerhin verlinkt Wikisource bereits den großen Fundus von Zeno.org auf zahlreichen Autoren-, Text- und Projektseiten.

Am Rande sei noch erwähnt, dass professionelle Bibliothekare immer noch die Metadaten-Präsenz in Wikisource kritisieren. Angeblich liefert Wikisource bei den Texten keine ausreichenden bibliographischen Metadaten. Allein wer sich die Vorlage Diskussion:Textdaten ansieht, müsste eines Besseren belehrt werden.

Patriotismus im Licht der Zeit

Das Folgende ist der Auszug aus einer E-Mail, die ich heute verschickt habe. Ich finde aber, dass es auch einen ganz guten Blogeintrag abgibt.

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff

Dass mir der gute Wilamowitz in der folgenden Rede nicht in einem neuen Lichte erscheint, muss ich nicht betonen. Sein deutscher Patriotismus blieb ja bis zum Ende ungetrübt. Ein Bekannter von mir hat eine Rede aus der Anfangszeit des Ersten Weltkriegs bei Wikisource eingestellt, die ich beim Korrekturlesen ein wenig auseinandergenommen habe.

Was mich erschreckt, ist die Hetze gegen den Feind, die Stereotypen. Aber noch ärger trifft mich die Lüge, der das deutsche Bürgertum aufgesessen war: „Wir haben den Krieg nicht gewollt, niemand, kein König, kein Staatsmann, kein Feldherr. Wir waren in unseren Grenzen zufrieden.“

Aber dann wurden mir eins bewusst, was im Geschichtsunterricht nicht gelehrt wird: Jeder ist ein Kind seiner Zeit. Wilamowitz ist der Sohn reicher preußischer Juncker und lebt in der Zeit der Großreiche. Die Zeitgeschichte ist geprägt von dem nationalen Rivalismus in Europa, von Deutschlands glorreichen Siegen des 19. Jahrhunderts, die zur Reichsgründung in Versailles führten. Eine Zeit, in der der Krieg ruhmreich und glänzend hieß, eine Zeit ohne Geschütze, Flieger, Tanks, ohne Bomben, die ganze Stadtteile zerstören, ohne Millionen Tote. Diese neuen Schrecken des Krieges erfährt die Welt erst in den Tagen, die dieser Rede vorausgingen! Wilamowitz selbst stellt sie mit Schaudern fest. „Ja, der Krieg, in den jene Wallensteiner so gerne hinausziehen, ist etwas Herrliches; etwas Fürchterliches ist er auch, und er ist fürchterlicher jetzt, als er je gewesen ist, grauenvoller durch die Macht, die der Mensch gewonnen hat über die Mächte der Natur, die Mächte der Zerstörung. Wir wollen uns über das Grauen nicht täuschen.“ Und: „Kommt’s denn nicht bloß auf die Menschenmassen an, auf die künstlichen Waffen, und werden die nicht entscheiden und auch die beste Sache niederwerfen können?“

Wie kommt es nun, dass das, was heute wie giftige Hetze, Anmaßung, dummer, vorurteilserfüllter Hass klingt, damals für voll genommen wurde? Weil die Menschen im Jahr 1914 noch keinen Feuersturm kannten, keine Bombenteppiche, keine Materialschlachten mit hunderttausenden Toten, keine kalte Grausamkeit gegen Unschuldige, gegründet auf blinde Verfeindung und Rassendenken, keine maschinell vernichteten Menschen – keinen Holocaust!

Wir Menschen von heute, die diesen schrecklichen Auswuchs menschlicher Schwäche und Boshaftigkeit kennen, gerade wir in dem schuldigsten Land, wissen, wozu der Krieg, wozu der Hass fähig ist. Eben darum verachten wir, fürchten wir ihn, und haben kein Verständnis für die Zeitkinder, die solche Schrecknisse noch nicht kannten.

Unser Gewissen ist belastet von der Vergangenheit. Aber darum sind wir auch klüger als unsere Vorfahren. Ich hoffe nur, die Menschheit braucht nicht noch mehr Superlative der Gewalt, um endlich erwachsen zu werden. Guantanamo Bay, Afghanistan, Irak, Sudan… müssen wir dort unseren schleichenden Dritten Weltkrieg austragen?

Sprachübergreifende Professionalisierung von Wikisource?

Das Projekt Wikisource zur Sammlung gemeinfreier Texte in sämtlichen Sprachen der Welt ist in zahlreiche Subdomains nach vielen Sprachen unterteilt. Die größte Sprachversion ist (natürlich) die englische, gefolgt von der französischen, der spanischen und der deutschen. Diese Aufteilung sorgt für eine große Diskrepanz der Standards. Ich schmeichle nicht, wenn ich dem deutschsprachigen Projekt die höchte Professionalität zuschreibe: Die Texte sind nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten kategorisiert, überwiegend mit Scans versehen und werden nach strengen Richtlinien gegengelesen. Dadurch wird das Wachstum des Angebots natürlich verlangsamt, aber dafür sind die Texte ausgesprochen zitierfähig. Sogar Kritiker der Wikipedia haben sich mir gegenüber positiv über dieses Projekt geäußert.

Auf der Wikipedia Academy wurde mit bewusst, welche Bedeutung der professionelle Aufzug von Wikisource hat: Finanzers Michails Vortrag hat die anwesenden Wissenschaftler derart angeregt, dass sie nachher mit mir über mögliche Kooperationen der Universitätsbibliotheken mit Wikisource gesprochen haben (!). Dabei fiel auch die Frage, ob Wikisource in mehreren Sprachen existiert. Ich antwortete getreu dem Sender Jerewan: „Im Prinzip ja, aber alle mit unterschiedlichen Standards.“ Das war noch beschönigend formuliert. Zwar gibt es in der französischen Wikisource Ansätze, wenigsten das Korrekturlesen per Software-Erweiterung zu ermöglichen (ein Feature, das in der dt. Wikisource schon kurz nach der Auskoppelung aus dem mehrsprachigen Projekt existierte), und die engl. Version bietet für einen Bruchteil ihrer Werke auch Scans an, aber andere Aspekte, wie eine sinnvolle Systematik zur Erfassung der Texte, zentrale Editionsrichtlinien und bibliografische Angaben sind bislang sträflich vernachlässigt worden.

Aus diesem Grund habe ich mir ein Herz gefasst und durch einen Beitrag im zentralen Scriptorium eine Diskussion angeregt, in welcher Weise auch andere Sprachversionen als die deutsche vergleichbare Standards einführen können. Ich persönlich habe ohnehin keine Zeit, ein paar Dutzend Riesenprojekte zu studieren, zu analysieren und umzukrempeln, und würde mir dabei auch sicher die Schnauze einrennen, aber ich hoffe auf individuelle Eingebungen. Leute, die mutig genug sind, zu den Schwächen ihres Projektes zu stehen und an ihnen zu arbeiten.

[00:07] Nachtrag: In den letzten dreieinhalb Stunden hatte ich ein aufschlussreiches Gespräch mit Admins der englischen Wikisource. Es gibt dort bereits Ansätze zu einer Professionalisierung, aber sie sind noch nicht überall zu sehen. Immerhin existiert dort ein Verantwortungsbewusstsein und eine Dialogbereitschaft, die mich sehr hoffnungsvoll stimmen, dass aus dieser Sprachversion noch was werden wird!

[10:45] Noch ein Nachtrag: Auch auf der italienischen Wikisource existiert ein solches Verantwortungsbewusstsein und eine erfreuliche Dialogbereitschaft. Es sieht so aus, als hätte ich einen Stein einen Abhang hinabgeworfen, und schaute einer Lawine beim Entstehen zu :)

Proofread in Aktion

Finanzer hat im August die neue Methode des Projektsbaus bei Wikisource vorgestellt, bei der die Einzelseiten als Vorlage auf der zentralen Textseite eingebunden werden. Ich möchte nun gern meine Erfahrungen als Wiki-Fortgeschrittener und Nicht-Informatiker hier kundtun.

Ich hab vorgestern die neue Funktion ausprobiert und nach einigen Anfangsschwierigkeiten auch anhand eines Beispiels kapiert. Eine Schwierigkeit war, dass der Bearbeitungsstand in der Kopfzeile der Einzelseite eingebunden wird, und diese Kopfzeile nicht leicht, für Anfänger gar nicht zu finden ist. Dieses Problem wurde nach einem kurzen Meinungsbild im Skriptorium und einer zusätzlichen Betreuung durch Xarax und Finanzer behoben. Nun ist die Kopfzeile von vornherein eingeblendet und kann wie vorher mit dem linken Editbutton neben den drei Lupen (oben links auf der Bild-Vorlage) ein- und ausgeschaltet werden. Per Monobook kann der angemeldete Wikisource-Mitarbeiter diese standardmäßige Anzeige auch unterdrücken und hat dann mehr Platz für die Vorlage und das Bearbeitungsfenster.

Die kleine Schrift mit dem Titel „Über mechanische Copieen von Inschriften“ ist vollständig eingestellt, ich habe auch schon den Rohtext korrigiert. Mein Eindruck des neuen Systems ist: Nicht ganz leicht für Einsteiger, aber ökonomisch-technisch äußerst sinnvoll und empfehlenswert. Ich teile meine Erfahrungen gern, falls irgendjemand Fragen hat.

Schlossbesuch

Eine einleitende Bemerkung:

Damit keine Verwirrung aufkommt, möchte ich erwähnen, dass ab heute dieser Blog nicht nur von mir alleine mit Content versorgt wird. Ich freue mich wirklich, dass nun auch Jonathan Groß dem bisher einsamen Autor Gesellschaft leistet.

Finanzer

Nun lasse ich aber Jonathan zu Wort kommen:

Finanzers Bericht über seine Besichtigung der Parfumerie mit dem Wikipedia-freundlichen Geschäftsführer vom 10. September hat mich an ein ähnliches Erlebnis erinnert.

Es war Juli 2006. Ich verbrachte zwei meiner drei Wochen Jahresurlaub auf Rügen und hatte mich entschlossen, diesmal nicht nur am Strand zu So siehts von Süden ausliegen und durch die Wälder zu streifen, sondern auch den Rest der Insel kennenzulernen. Also fuhr ich mit dem Fahrrad mal hierhin, mal dorthin und kam auch nach Lietzow. Dieses kleine, verschlafene Dorf am Rand der B 96 war einst ein florierendes Seebad, in dem sich ein reicher Beamter sein Schlösschen errichtet hatte. Dieses Schlößchen muss nach 1945 seinem Besitzer entrissen worden sein, wurde nicht besonders pfleglich behandelt und bot nach der Wende dem Besucher keinen hübschen Anblick mit der grauen, verfallenen Fassade und den vernagelten Fenstern.

Aber ein Segen der Wende, die Sanierung der alten Bausubstanz, verirrte sich auch hierher. Das Schloss ging in Privatbesitz über und wurde nach und nach saniert. Seit einigen Jahren grüßt den Touristen wieder eine schneeweiße Fassade.

Jetzt aber zurück zu meiner Geschichte! Ich war also mit dem Fahrrad unterwegs und sah das Schloss vielleicht zum hundertsten Mal. Aber ich war ihm noch nie nahe gekommen, geschweige denn drin gewesen! Also fasste ich mir ein Herz, radelte den steilen Berg hoch und gelangte ans Tor. Dort vermittelten Bretter, Werkzeug, ein Betonmischer und ein Kiesberg den Eindruck, als wäre die Renovierung noch nicht abgeschlossen. Im Garten sah ich jemanden. Auf meinen Anruf kam er ans Gartentor und fragte mich nach meinem Begehr. Ich stellte mich als (Berliner) Autor der freien Enzyklopädie Wikipedia vor und fragte ihn, ob es möglich ist, dass ich vom Schlossturm aus die Landschaft fotografiere. Wikipedia war ihm unbekannt. Er empfahl mir, zwei Tage später wiederzukommen, wenn die Besitzerin da sei.

Zwei Tage später war ich wieder da. Weil ich niemanden im Garten sah, ging ich hinein und klingelte. Nach einer Weile öffnete sich die Tür, und ich stand der Hausherrin gegenüber. Etwas nervös trug ich mein Anliegen vor. Sie blickte etwas skeptisch, hat vielleicht schon schlechte Erfahrungen mit Trickbetrügern gemacht. Zum Glück kam in diesem Moment der Herr dazu, mit dem ich am Dienstag gesprochen hatte. Er war bei Aldi mit ein paar Berlinern ins Gespräch gekommen, die sich als Freunde von mir herausstellten. Er hatte ihnen von dem Berliner erzählt, der vor zwei Tagen bei ihm geklopft habe. Nur gut, dass ich meinen Freunden auch von meinem Besuch in Lietzow erzählt hatte! So kannten sie die Geschichte und konnten bestätigen, dass ich harmlos war und genau das wollte, worum ich gebeten hatte: Fotos vom Schloss. Also bat mich die Hausherrin herein und ließ sich von mir bei einer Tasse Tee alles über Wikipedia erzählen. Sie konnte leider nicht lange bleiben, aber meine Führung bekam ich trotzdem. Das Schloss war schon tadellos hergerichtet und sah sehr gemütlich aus. Wir stiegen zügig auf den Turm, dessen Treppe noch ein richtiges Abenteuer war (daher das Baumaterial, dachte ich mir).
Links der kleine, rechts der große Jasmunder Bodden

Oben angekommen bot sich mir ein wundervoller Anblick. Ich könnte mich noch heute schwarz ärgern, dass ich keine bessere Fotoausrüstung hatte und nur minderwertige Fotos knipsen konnte.

Lietzow liegt dort, wo vor hundert Jahren fleißige Eisenbahner einen Damm zwischen dem Kleinen (links) und dem Großen Jasmunder Bodden aufgeschaufelt hatten. Der Blick auf dem Foto geht nach Südwesten. Nach Süden sähe man die Granitz, im Südosten die Feuersteinfelder, im Osten die Fährhäfen von Sassnitz und Mukran. Leider habe ich diese Fotos irgendwo verschusselt.
Jedenfalls war mir diese Geschichte eine Lektion in Sachen Wikipedia und in Sachen „sei mutig!“