Neuigkeiten aus Wikisource (3)

Nach etwas längerer Zeit mal wieder ein paar Neuigkeiten aus unserem kleinen Projekt:

  • Dank xarax geht die Arbeit an der ADB und einigen anderen Projekten wesentlich schneller voran. Er hat einen kleinen Bot programmiert, der die Google OCR Engine verwendet und die OCR-Resultate dann automatisch in Wikisource hochlädt. Leider ist die OCR-Qualität noch recht mittelmäßig, so dass der Korrekturaufwand recht hoch ist. Finereader ist auch bei Fraktur wesentlich leistungsfähiger. Dann muss man aber die Texte Seite für Seite von Hand hochladen. Über meine Erfahrungen mit der neuen Version von Finereader werde ich einem der nächsten Beiträge berichten.
  • Ein Großteil der älteren Projekte wurde mittlerweile auf die neue Proofreading-Extension umgestellt (Ich berichtete darüber). Derzeit gibt es im Namensraum „Seite“ rund 3500 Seiten. Nach dem französischen Wikisource stehen wir damit auf Platz 2 der Verwendung dieser Extension.
  • Die Themenseiten auf Wikisource, die nicht nur die Texte auf Wikisource nachweisen, sondern auch Digitalisate überall im Netz (insbesondere von Google Books) aufführen, werden mittlerweile auch international als beispielhaft erkannt. Selbst englische und japanische Blogs berichten darüber.
  • Für Wikisource ist die Aussage „Im Gegensatz zur Wikipedia entwickelt sich Wikisource zu einer sehr seriösen Einrichtung.“ sicherlich sehr schmeichelhaft ;-) (Gefunden bei Digitale Regionalgeschichte. Danke an FrobenChristoph für den Hinweis im Skriptorium.)
  • Mit großer Beteiligung wurde der Handschriftenlesekurs in Wikisource wieder neu belebt. FrobenChristoph weist uns anhand der in Wikisource vorhandenen Beispiele in das Lesen von alten Handschriften ein. Der Kurs findet täglich im Chat ab 21 Uhr statt (irc://irc.freenode.org/paleo). Die aktuellen Leseaufgaben werden auf der Seite zum Kurs in Wikiversity bekanntgegeben. Derzeit wird anhand des Rechenbuch des Andreas Reinhard geübt.

Bisher unbekannter Druck bei Wikisource

Wie sich vor einigen Tagen herausstellte, beherbergt Wikisource einen bisher unbekannten Druck der Hundert Grab-Schrifften von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, einem berühmten Dichter des 17. Jahrhunderts aus Breslau.

Wie kam es zu diesem Fund? Felistoria hatte vor einiger Weile den Artikel zu diesem Dichter in der Wikipedia überarbeitet und wusste, dass in der historischen Bibliothek des Gymnasiums in dem sie arbeitet, ein Druck dieses Dichters mit diesen Grabschriften schlummerte. Da sie gelegentlich auch mal bei Wikisource vorbeischaut, scannte sie eben nicht nur das Titelblatt für den Artikel, sondern gleich das 24seitige Heftchen. Eine Weile lungerten die Scans etwas unbeachtet auf Commons, da schlicht vergessen wurde sie zu transkribieren. Bis nun aus einem anderen Anlaß die Sprache wieder auf diese Scans kam. Da 24 Seiten schnell gemacht sind, wurde also zügig das kleine Projekt in Angriff genommen und die Seiten transkribiert. Und Felistoria füllte entsprechend der Angaben im Bibliothekskatalog die Textdaten für den Druck aus. Darunter auch den Druckort Breslau. Das Problem ist nur: auf dem Druck ist kein Druckort angegeben, was natürlich zu Nachfragen seitens anderer Wikisourcler führte, wie sie denn auf Breslau käme.

Die Recherche von Felistoria in diversen Onlinekatalogen wie VD17, KVK etc. ergab, dass dieser Druck mit der Jahreszahl 1662 nirgend verzeichnet ist. Mmh, handelte es sich gar nicht um einen Druck von Hoffmannswaldau? Immerhin ist auf dem Druck auch kein Autor angegeben. War es vielleicht ein Nachdruck oder sogar ein Nachahmer? Eine Nachfrage bei Gerhard Dünnhaupt, der die bislang einzige kommentierte Bibliographie zur deutschen Barock-Literatur verfasste und im übrigen auch in der Wikipedia als Autor aktiv ist, ergab aber, dass es sich tatsächlich um den Text von Hoffmanswaldau handelt, der Dünnhaupt bisher nur in vier anderen Drucken vorlag. Es ist aber der einzige Druck mit der Jahreszahl 1662. Es ist nach ihm nicht auszuschließen, dass es sich hier um den Erstdruck dieses kleinen Werkes handelt. Das muss aber die weitere Forschung ergeben.

Wie der Druck in den Besitz der Gymnasialbibliothek gekommen ist, ist in der kleinen Einleitung des Textes bei Wikisource erläutert. Sicherlich ist der Fund keine große wissenschaftliche Sensation, aber eine wunderschöne kleine Perle für Wikisource. Und vielleicht findet sich ja auch mal ein Student der über diesen Druck eine Arbeit schreiben möchte und bestätigen oder widerlegen kann, dass es sich bei diesem Druck um den Breslauer Erstdruck der Hundert Grab-Schrifften handelt oder eben nicht.

Launch bei zeno.org

Leicht verspätet (die Party war am Samstag, dem 29. September), aber noch nicht outdated kommt hier noch eine kleine Impression von der Zeno.org-Launch-Party. Achim Raschka hat mich eingeladen, dort dem Countdown zum offiziellen Start des Projekts im Netz beizuwohnen. Wellen geschlagen hat das Ereignis zum Beispiel im Heise-Newsticker.

Anwesend waren Verlagsangehörige und deren Bekannte, geladene Gäste aus der Berliner Verlagsszene (mein Onkel mit seinem Weltbühne-Digitalisierungsprojekt war zufällig auch da; die Welt ist klein!), und natürlich: Wikipedianer. Der Abend war also prädestiniert für einen Austausch der Erfahrungen. Im Gespräch mit den Geschäftsführer Erwin Jurschitza wurde mir wieder einmal bewusst, dass die Formatierung mit MediaWiki mindestens problematisch, eigentlich aber stümperhaft ist. XML-Standards bieten weitaus diffizilere Mittel der Textauszeichnung.

Zeno.org [spricht: zeno dot org] stellt wie Wikisource Volltexte gemeinfreier Literatur bereit, meist mit Scans. Aber diese Arbeit wird nicht von Freiwilligen geleistet, sondern von Dienstleistern. Dadurch kann Zeno.org viel größere Mengen wesentlich schneller bearbeiten. Dass die Qualität bei Wikisource immer noch höher ist, und dass Dienstleister bei Sütterlinschrift oder gotischen Minuskeln versagen, muss ich hier nicht erwähnen :). Ein besonders löblicher Ansatz: Die Digitalisate bei Zeno.org sind gemeinfrei und bleiben es auch.

Zeno.org möchte nach dem Vorbild ihres Namenspatrons Zenodot von Ephesos die größte Bibliothek im Internet aufbauen. Dieses Vorhaben ist schon der wesentliche Grund, warum Zeno.org kein Rivale für Wikisource ist. Konkurrenz im wörtlichen Sinne eines Mit-Läufer-tums (lat. con-currere „mit-laufen“) ist es trotzdem, aber ein Neben-Laufen, kein Gegen-Laufen. Schließlich will Wikisource lediglich ausgewählte Texte in besonders hoher Qualität anbieten.

Eine Kooperation zwischen den Projekten wäre sehr wünschenswert. Immerhin verlinkt Wikisource bereits den großen Fundus von Zeno.org auf zahlreichen Autoren-, Text- und Projektseiten.

Am Rande sei noch erwähnt, dass professionelle Bibliothekare immer noch die Metadaten-Präsenz in Wikisource kritisieren. Angeblich liefert Wikisource bei den Texten keine ausreichenden bibliographischen Metadaten. Allein wer sich die Vorlage Diskussion:Textdaten ansieht, müsste eines Besseren belehrt werden.

Walther von der Vogelweide

Nach gemeinsamem Lesen im Chat haben wir es heute geschafft ein Liebes-Gedicht von Walther von der Vogelweide in Wikisource einzustellen. Auch wenn auf den ersten Blick alles recht klar aussieht, ist es doch schwieriger als erwartet ein Gedicht aus dem Codex Manesse zu transkribieren. Ich kannte es bisher nicht, aber es scheint eines der bekanntesten mittelalterliche Gedichte zu sein. Ich persönlich finde es sehr schön, auch wenn man sich in das Mittelhochdeutsche einlesen muss. Ich weiß nicht wem es ursprünglich gewidmet war, für mich ist einer Königin würdig.

Das Gedicht beginnt links unten in der letzten Zeilen. Wer mag kann ja vergleichen. Hier unsere Transkription:

Vnder der linden
an der heide
da vnser zweier bette was
da mugent ir vinden
schone beide
gebrochen bluomen vnde gras
vor dem walte in einem tal
tandaradai schone sanc dui nahtegal.

Ich kan gegangen
zvo der ovwe
do was min fridel komene
da wart ich enpfangen
here frowe
dc ich bin selig iemer me.
er kuste mich wol tvsent stunt.
tandaradei seht wie rot mir ist der munt.

Do hat er gemachet
also riche
von bluomen ein bette stat
des wirt noch gelachet innekliche
kvmt iemen an dc selbe pfat
bi den rosen er wol mac
tandaradei merken wa mirs havbet lac.

Das er bi mir lege
wesses iemen
nvn welle got so schamt ich mich
wes er mit mir pflege
niemer niemen
bevinde dc wan er vnd ich
vnd ein kleines vogellin
tandaradei dc mac wol getruiwe sin.

Update 30. Januar 2009:

Das mittelhochdeutsche Original nach dem Codex Manesse und einige neuhochdeutsche Übersetzung befinden sich auf der Themenseite Under der linden bei Wikisource.

Patriotismus im Licht der Zeit

Das Folgende ist der Auszug aus einer E-Mail, die ich heute verschickt habe. Ich finde aber, dass es auch einen ganz guten Blogeintrag abgibt.

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff

Dass mir der gute Wilamowitz in der folgenden Rede nicht in einem neuen Lichte erscheint, muss ich nicht betonen. Sein deutscher Patriotismus blieb ja bis zum Ende ungetrübt. Ein Bekannter von mir hat eine Rede aus der Anfangszeit des Ersten Weltkriegs bei Wikisource eingestellt, die ich beim Korrekturlesen ein wenig auseinandergenommen habe.

Was mich erschreckt, ist die Hetze gegen den Feind, die Stereotypen. Aber noch ärger trifft mich die Lüge, der das deutsche Bürgertum aufgesessen war: „Wir haben den Krieg nicht gewollt, niemand, kein König, kein Staatsmann, kein Feldherr. Wir waren in unseren Grenzen zufrieden.“

Aber dann wurden mir eins bewusst, was im Geschichtsunterricht nicht gelehrt wird: Jeder ist ein Kind seiner Zeit. Wilamowitz ist der Sohn reicher preußischer Juncker und lebt in der Zeit der Großreiche. Die Zeitgeschichte ist geprägt von dem nationalen Rivalismus in Europa, von Deutschlands glorreichen Siegen des 19. Jahrhunderts, die zur Reichsgründung in Versailles führten. Eine Zeit, in der der Krieg ruhmreich und glänzend hieß, eine Zeit ohne Geschütze, Flieger, Tanks, ohne Bomben, die ganze Stadtteile zerstören, ohne Millionen Tote. Diese neuen Schrecken des Krieges erfährt die Welt erst in den Tagen, die dieser Rede vorausgingen! Wilamowitz selbst stellt sie mit Schaudern fest. „Ja, der Krieg, in den jene Wallensteiner so gerne hinausziehen, ist etwas Herrliches; etwas Fürchterliches ist er auch, und er ist fürchterlicher jetzt, als er je gewesen ist, grauenvoller durch die Macht, die der Mensch gewonnen hat über die Mächte der Natur, die Mächte der Zerstörung. Wir wollen uns über das Grauen nicht täuschen.“ Und: „Kommt’s denn nicht bloß auf die Menschenmassen an, auf die künstlichen Waffen, und werden die nicht entscheiden und auch die beste Sache niederwerfen können?“

Wie kommt es nun, dass das, was heute wie giftige Hetze, Anmaßung, dummer, vorurteilserfüllter Hass klingt, damals für voll genommen wurde? Weil die Menschen im Jahr 1914 noch keinen Feuersturm kannten, keine Bombenteppiche, keine Materialschlachten mit hunderttausenden Toten, keine kalte Grausamkeit gegen Unschuldige, gegründet auf blinde Verfeindung und Rassendenken, keine maschinell vernichteten Menschen – keinen Holocaust!

Wir Menschen von heute, die diesen schrecklichen Auswuchs menschlicher Schwäche und Boshaftigkeit kennen, gerade wir in dem schuldigsten Land, wissen, wozu der Krieg, wozu der Hass fähig ist. Eben darum verachten wir, fürchten wir ihn, und haben kein Verständnis für die Zeitkinder, die solche Schrecknisse noch nicht kannten.

Unser Gewissen ist belastet von der Vergangenheit. Aber darum sind wir auch klüger als unsere Vorfahren. Ich hoffe nur, die Menschheit braucht nicht noch mehr Superlative der Gewalt, um endlich erwachsen zu werden. Guantanamo Bay, Afghanistan, Irak, Sudan… müssen wir dort unseren schleichenden Dritten Weltkrieg austragen?

Sprachübergreifende Professionalisierung von Wikisource?

Das Projekt Wikisource zur Sammlung gemeinfreier Texte in sämtlichen Sprachen der Welt ist in zahlreiche Subdomains nach vielen Sprachen unterteilt. Die größte Sprachversion ist (natürlich) die englische, gefolgt von der französischen, der spanischen und der deutschen. Diese Aufteilung sorgt für eine große Diskrepanz der Standards. Ich schmeichle nicht, wenn ich dem deutschsprachigen Projekt die höchte Professionalität zuschreibe: Die Texte sind nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten kategorisiert, überwiegend mit Scans versehen und werden nach strengen Richtlinien gegengelesen. Dadurch wird das Wachstum des Angebots natürlich verlangsamt, aber dafür sind die Texte ausgesprochen zitierfähig. Sogar Kritiker der Wikipedia haben sich mir gegenüber positiv über dieses Projekt geäußert.

Auf der Wikipedia Academy wurde mit bewusst, welche Bedeutung der professionelle Aufzug von Wikisource hat: Finanzers Michails Vortrag hat die anwesenden Wissenschaftler derart angeregt, dass sie nachher mit mir über mögliche Kooperationen der Universitätsbibliotheken mit Wikisource gesprochen haben (!). Dabei fiel auch die Frage, ob Wikisource in mehreren Sprachen existiert. Ich antwortete getreu dem Sender Jerewan: „Im Prinzip ja, aber alle mit unterschiedlichen Standards.“ Das war noch beschönigend formuliert. Zwar gibt es in der französischen Wikisource Ansätze, wenigsten das Korrekturlesen per Software-Erweiterung zu ermöglichen (ein Feature, das in der dt. Wikisource schon kurz nach der Auskoppelung aus dem mehrsprachigen Projekt existierte), und die engl. Version bietet für einen Bruchteil ihrer Werke auch Scans an, aber andere Aspekte, wie eine sinnvolle Systematik zur Erfassung der Texte, zentrale Editionsrichtlinien und bibliografische Angaben sind bislang sträflich vernachlässigt worden.

Aus diesem Grund habe ich mir ein Herz gefasst und durch einen Beitrag im zentralen Scriptorium eine Diskussion angeregt, in welcher Weise auch andere Sprachversionen als die deutsche vergleichbare Standards einführen können. Ich persönlich habe ohnehin keine Zeit, ein paar Dutzend Riesenprojekte zu studieren, zu analysieren und umzukrempeln, und würde mir dabei auch sicher die Schnauze einrennen, aber ich hoffe auf individuelle Eingebungen. Leute, die mutig genug sind, zu den Schwächen ihres Projektes zu stehen und an ihnen zu arbeiten.

[00:07] Nachtrag: In den letzten dreieinhalb Stunden hatte ich ein aufschlussreiches Gespräch mit Admins der englischen Wikisource. Es gibt dort bereits Ansätze zu einer Professionalisierung, aber sie sind noch nicht überall zu sehen. Immerhin existiert dort ein Verantwortungsbewusstsein und eine Dialogbereitschaft, die mich sehr hoffnungsvoll stimmen, dass aus dieser Sprachversion noch was werden wird!

[10:45] Noch ein Nachtrag: Auch auf der italienischen Wikisource existiert ein solches Verantwortungsbewusstsein und eine erfreuliche Dialogbereitschaft. Es sieht so aus, als hätte ich einen Stein einen Abhang hinabgeworfen, und schaute einer Lawine beim Entstehen zu :)

Proofread in Aktion

Finanzer hat im August die neue Methode des Projektsbaus bei Wikisource vorgestellt, bei der die Einzelseiten als Vorlage auf der zentralen Textseite eingebunden werden. Ich möchte nun gern meine Erfahrungen als Wiki-Fortgeschrittener und Nicht-Informatiker hier kundtun.

Ich hab vorgestern die neue Funktion ausprobiert und nach einigen Anfangsschwierigkeiten auch anhand eines Beispiels kapiert. Eine Schwierigkeit war, dass der Bearbeitungsstand in der Kopfzeile der Einzelseite eingebunden wird, und diese Kopfzeile nicht leicht, für Anfänger gar nicht zu finden ist. Dieses Problem wurde nach einem kurzen Meinungsbild im Skriptorium und einer zusätzlichen Betreuung durch Xarax und Finanzer behoben. Nun ist die Kopfzeile von vornherein eingeblendet und kann wie vorher mit dem linken Editbutton neben den drei Lupen (oben links auf der Bild-Vorlage) ein- und ausgeschaltet werden. Per Monobook kann der angemeldete Wikisource-Mitarbeiter diese standardmäßige Anzeige auch unterdrücken und hat dann mehr Platz für die Vorlage und das Bearbeitungsfenster.

Die kleine Schrift mit dem Titel „Über mechanische Copieen von Inschriften“ ist vollständig eingestellt, ich habe auch schon den Rohtext korrigiert. Mein Eindruck des neuen Systems ist: Nicht ganz leicht für Einsteiger, aber ökonomisch-technisch äußerst sinnvoll und empfehlenswert. Ich teile meine Erfahrungen gern, falls irgendjemand Fragen hat.

Hitler und Goethe

Wenn wir das deutsche Volk und seine Geschichte überblicken, so bieten sich uns vorzugsweise zwei Helden dar, die seine Geschicke gelenkt haben, weil einer von ihnen hundert Jahre tot ist. Der andre lebt. Wie es wäre, wenn es umgekehrt wäre, soll hier nicht untersucht werden, weil wir das nicht auf haben. Daher scheint es uns wichtig und beachtenswert, wenn wir zwischen dem mausetoten Goethe und dem mauselebendigen Hitler einen Vergleich langziehn.

Aus Hitler und Goethe – Ein Schulaufsatz von Kaspar Hauser von Kurt Tucholsky aus dem Jahre 1932. Ein Meisterwerk der Satire.  

Neuigkeiten aus Wikisource (2)

Mit Sicherheit hat es außerhalb Wikisource keiner mitbekommen. Aber seit heute hat Wikisource zwei neue Namensräume: „Seite“ und „Index“. Für die rasend schnelle Einrichtung in nicht mal 24 Stunden geht mein herzlichsten Dank an JeLuF. Frage ist nun, wozu brauchen wir die Dinger überhaupt.

Schuld ist sozusagen die neue Proofreading-Extension. Bisher hatten wir ja eine Javascript-Lösung, die auch wunderbar funktionierte. Parallel dazu gab es ein Proofreading-Extension, die aber einige funktionale Einschränkungen hatte und von uns bisher nicht benutzt wurde. Nun haben sich aber der französische Wikisourcler ThomasV und Xarax zusammengesetzt und das Positive aus beiden Lösungen zu einer neuen Extension zusammengeführt, die schon als sehr gut bezeichnet werden kann. Welche Möglichkeiten haben wir mit der Extension:

  • Einbindung von Scans auf Commons und auf anderen Servern
  • Einbindung von Seitenscans aus Mulit-Page-Formaten, derzeit nur djvu, aber PDF ist wohl in Vorbereitung. ich hatte über die PDF-Extension von xarax bereits kurz berichtet.
  • Navigation zwischen den einzelnen Seiten wird von der Extension mitgeliefert. Es entfällt also das recht mühsame  Vorlagen basteln für jedes größere Projekt
  • Das mühsame Anlegen der Einzelseiten entfällt. Nach Klick auf Bearbeiten auch einer „roten“ Seite steht die Korrekturlesefunktion sofort zur Verfügung. Bisher musste man erst die verschiedenen Vorlagen reinbasteln, speichern und dann auf „Korrekturlesen“ klicken.
  • Die aus der älteren Lösung gewohnte Darstellung mit dem Scan oben und unten das Eingabefeld ist weiterhin vorhanden.
  • Einfache Zusammenstellung der Einzelseiten nach Kapiteln oder zum Gesamtwerk als Leseversion.
  • Und unsere ältere Lösung mit Javascript wird keinesfalls obsolet. Eine friedliche Koexistenz ist ohne Probleme möglich. Gerade für Einblattdrucke ist die JS-Lösung wohl doch etwas einfacher zu handhaben. 

Nicht direkt ersichtlich, aber in meinen Augen auch sehr sinnvoll, ist die Trennung zwischen der Leseversion und den Einzelseiten zum Bearbeiten und Korrekturlesen, ohne dass wir die Scans vorm Leser verstecken. Außerdem bietet die Indexseite die Möglichkeit den ganzen technischen Krempel, der für einen Leser nicht weiter von Interesse ist von der Leseversion zu trennen. Auf jeden Fall müssen wir aber in der Leseversion noch deutlich drauf hinweisen, wie ein Leser an die Scans gelangt. Der Klick auf die Seitenzahlen ist nicht so wirklich intuitiv. Erste Beispiele für den EInsatz der Extension finden sich bereits.: Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?, Denkwürdige Männer Für Straßennamen in der Kölner Neustadt. und Der Stadt Hamburg Statuta und Gerichts Ordnung Mir scheint vielen gefallen die neuen Möglichkeiten sehr gut, die wir wahrscheinlich auch erst ansatzweise ausgeschöpft haben.

Weitere (noch etwas knappe) Infos finden sich auf Wikisource: Proofread.

Update 31. August 2007:

Es kam die Frage, wozu die beiden neuen Namensräume dienen. Das hatte ich tatsächlich vergessen. Im Namensraum „Seite“ werden die einzelnen Seiten gegen den Scan transkribiert bzw. korrekturgelesen. Der Index-Namensraum nimmt pro Projekt eine Seite auf, die Links zu den einzelnen Seiten enthält, also eine Indexseite ;-). Im Hauptnamensraum verbleiben damit also nur die Seiten, die die Angaben zum Werk und den zusammengestellten Text enthalten. Eventuell auch als Unterseiten, wenn der Text nach Kapiteln oder ähnlichem zusammengestellt wurde.

Frühe Arbeit über den Stein von Rosette

Jonathan Groß hat ein, wie mir scheinen möchte, sehr interessantes Buch über den Stein von Rosette aus dem Jahre 1823 bei Google Books gefunden. Kleiner Auszug aus dem Text den Jonathan der Edition voranstellt:

Dieser Stein ermöglichte dem Sprachwissenschaftler Jean-François Champollion 1822 die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen, deren System seit einem Jahrtausend verloren war.

Im Lichte dieser Entdeckung befasste sich Wilhelm Drumann, Professor der Geschichte in Königsberg, mit dem griechischen Text der Inschrift. Seine kritische Edition enthält wertvolle Ergänzungen der beschädigten Stellen des Textes und erhellt den Hintergrund seiner Abfassung.

Die Edition steckt zwar noch in den Anfängen, aber sie wird mit Sicherheit eine Bereicherung für Wikisource darstellen. Und die wenigen Seiten, die schon da sind, geben eine spannenden Einblick in die frühe Zeit der Ägyptologie.

Siehe auch die Themenseite zum Stein bei Wikisource: Stein von Rosette.

Schießbefehl

Nun ist der sogenannte Schießbefehl, der die letzten Tage durch die Presse geisterte, bei Wikisource im Volltext verfügbar. Da ich aus der DDR stamme und selbst drei Jahre in der NVA gedient habe, ist mir vieles von dem in dem Befehl verwendeten DDR-Sprech noch sehr vertraut. Und um ein besseres Verständnis für solch ein Dokument zu schaffen, habe ich es mit einigen Anmerkungen und Erläuterungen versehen.

Das Dokument ist offensichtlich ein Befehl der einem Mitarbeiter (einen Inoffizellen Mitarbeiter schließe ich eher aus, dafür enthält es zuviele MfS-Vokabeln) des MfS vorgelegt wurde, bevor dieser seinen Schnüffel-Dienst in den Grenztruppen der DDR antrat und den dieser unterscheiben musste. Dieses Dokument ist also kein allgemeiner Schieß-Befehl an die Soldaten der Grenztruppen, wie gelegentlich in der Presse suggeriert wurde. Ein solcher wurde m.W. bisher auch noch nicht gefunden. Mit Sicherheit dürfte dieser Auftrag aber für alle MfS-Agenten gleich gewesen sein und wurde sicherlich von ganz oben im Ministerium in dieser Form abgesegnet.

Auch wenn es jetzt nicht DER Schießbefehl ist, ein die Denkweise der in der DDR politisch Verantwortlichen enthüllendes Dokument ist es trotzdem. Neben der schon durch die Presse mehrfach erwähnten Erlaubnis auch auf Frauen und Kinder zu schiessen, hat mich noch eine andere Passagen besonders erschreckt. Um die Flucht eines Grenzsoldaten zu verhindern, solle die Schußwaffe konsequent eingesetzt werden um den Flüchtenden zu „liquidieren“ und der Tote bzw. Verletzte sollte „der Einsichtmöglichkeit des Gegners“ entzogen werden. Das heisst erst sollte der Körper des Angeschossenen aus dem Blickfeld westlicher Beobachter gezerrt und dann Erste Hilfe geleistet werden. Menschenverachtender geht es kaum noch.

Open Library

Torsten Kleinz, ja genau der der immer im Heise Newsticker über die Wikipedia schreibt, berichtet in einem Zeit-Artikel über das Open-Library-Projekt. Keine Angst die sind noch keine wirkliche Konkurrenz zu Wikisource, die wollen erstmal „nur“ sämtliche Bücher der Menschheit bibliografisch erfassen. Aber irgendwann sollen die Bücher auch im Volltext zur Verfügung gestellt werden. Nun gut, schauen wir mal wie dieses, sagen wir mal, sehr ambitionierte Projekt so laufen wird. Ich bin sehr gespannt.

Neuigkeiten aus Wikisource

Soeben frisch eingetroffen ist ein Gerichts-Urteil aus dem Jahre 2004 eine Sammlung gemeinfreier Gedichte betreffend. Diese Zusammenstellung soll in großen Teilen von einem auch den Wikipedianern bekannten Verlag übernommen worden sein. Das Gericht sah die Freiburger Anthologie als urheberrechtlich geschütztes Sammel- und Datenbankwerk an, die dem Urheberrechtsschutz unterliegt und untersagte dem Verlag die weitere Verbreitung der CD. Bei Wikisource ist das Urteil zu finden unter: Landgericht Mannheim – Freiburger Anthologie.

Die Arbeit an Schwere, Elektricität und Magnetismus von Bernhard Riemann, einer Vorlesungsmitschrift aus dem Jahre 1880, ist seit einigen Tagen abgeschlossen. Die Arbeit an diesem Werk hat damit rund 9 Monate gedauert und war durch die vielen mathematischen Formeln sehr aufwendig.

Von Andreas wurde in den letzten Tagen der mir unbekannte Roman Käthe – Der Roman eines Dienstmädchens von Gabriela Zapolska, einer polnischen Schriftstellerin und Dramatikerin, hochgeladen. Der Anfang liest sich recht interessant. Vielleicht hat ja jemand ein paar Informationen zu dem Werk, leider gibt auch die Wikipedia kaum etwas zur Dame und ihrem Werk her.

Und zum Schluß noch ein Hinweis auf das ultimative Wannengedicht: Mein Wannenbad.

Update:

Als Monopolisierung von Daten und Unsinn bezeichnet Klauf Graf bei Archivalia das Urteil. Eine Diskussion darüber ist auch im Skriptorium entstanden.

Der Roman Käthe ist ein Teil eines Projektes zurSammlung von Sachtexten und Belletristik über Dienstboten und Gesinde. Danke an Andreas für den Hinweis

Wikisource -Themen und Projekte, Teil 2

Nun hat der dritte Teil meiner kleinen Serie zu Wikisource leider etwas länger gedauert, als ich eigentlich geplant hatte. Heute möchte ich mich dem Thema Literatur bei Wikisource widmen natürlich ist die Auswahl wie immer subjektiv und völlig unrepräsentativ. Es gibt noch vielmehr schönes bei uns zu entdecken. Und auch hier wieder meine Schmöker- und Stöber-Empfehlung: Zuerst sind da unsere Kategorien Versdichtung, Erzählprosa und Drama zu nennen. Aber auch in Blick in die Kategorie Autoren kann sich lohnen, wenn man Werke eines bestimmten Autors sucht.

Aber erstmal eine Bemerkungen vorneweg. Leider sind die sogenannten Klassiker, wie Goethe, Schiller und Co. recht wenig bei Wikisource vertreten. Wir mussten im Laufe der Zeit leider einige Texte löschen, da für diese keine vernünftigen Textgrundlagen vorlagen. Wie im ersten Teil erläutert, wären dies Scans oder E-Texte einer Erstausgabe oder einer anderen maßgeblichen Edition. Und da mussten wir eben in den sauren Apfel beissen und die Texte löschen, was aber zu einigen Auseinandersetzungen und auch zu einem Sturm im Wasserglas im internationalen Wikisource-Skriptorium führte. Da die meisten der Werke aber sowieso von gutenberg.de oder von woanders im Internet nach Wikisource kopiert wurden, ist kein wirklicher Verlust eingetreten. Und die kleinen gelben Heftchen kosten ja nun auch nicht Welt.

Trotzdem kommt auch der Klassikerfreund bei uns auf seine Kosten. So finden sich zum Beispiel die von Friedrich Schiller herausgegebenen Zeitschriften Thalia und Neue Thalia, sein Geschichtswerk Geschichte des 30jährigen Kriegs, aber auch Kabale und Liebe, Ritter Toggenburg, Maria Stuart und noch einiges mehr. Bei Goethe sieht es leider etwas weniger gut aus, denn die meisten der aufgeführten Werke beruhen auf einer unbekannten Textgrundlage. Sie entsprechen damit zwar nicht unseren hohen Qualitätsansprüchen, für die Lektüre in der Schule oder zum Schmökern, sind die Texte natürlich trotzdem ok.

Ein Schwerpunkt unserer Literaturabteilung bilden die sogenannten „Verbrannten Dichter“. Die Werke dieser Dichter, die als „undeutsch“ und „schädlich“ gebrandmarkt wurden, wurden von den Nazis erstmals am 10. Mai 1933 auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Von diesen Dichtern können wir bei Wikisource Joachim Ringelnatz, Kurt Tucholsky und den von den Nazis ermordeten anarchistischen Dichter Erich Mühsam präsentieren. Bekannt ist sicherlich der Kuttel Daddeldu von Ringelnatz. Empfehlenswert ist auch die Satire Hitler und Goethe – Ein Schulaufsatz von Kurt Tucholsky. Die meist kämpferischen Gedichte von Erich Mühsam sind sicherlich nicht jedermanns Geschmack, sind aber auch als Zeitdokumente aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts mit seinen Auseindersetzungen und Kämpfen hochinteressant. Als kleine Auswal ein eher poetisches Gedicht von Erich Mühsam, das mir sehr gut gefällt:

Spruch

Juni 1916

Wenn ihr mich weinen seht,
fragt nicht, warum.
Leid, das in Tränen steht,
tröstet sich stumm.

Wenn ihr mich fluchen hört,
stimmt mich nicht mild.
Zorn, der sich laut empört,
schmilzt, wenn er schilt.

Doch wenn ich trink und lach,
lad ich euch ein.
Freude wird grau und schwach,
bleibt sie allein.

Die Fabeln und Erzählungen von Christian Fürchtegott Gellert verdanken wir dem unermüdlichen Einsatz der bereits erwähnten Dame aus der historischen Gymnasialbibliothek hier in Hamburg. Das besondere daran ist, dass wir die Texte nach der Ausgabe von Gellerts Schriften aus dem Jahre 1769 transkribiert haben. Auch wenn moderne Ausgaben relativ wenig von dieser abweichen, finde ich es sehr schön wenn wir auch solch alte Ausgaben präsentieren können. Lese- und Schmunzelttipp: Das Gespenst

Eine Gedichtsammlung der etwas anderer Art und damit fast schon eine kleine Überleitung zum nächsten Teil meiner Serie ist die Gedichtsammlung Die deutschen Kaiser von Max Barack vorstellen. Dieses Buch aus dem Jahre 1888 enthält Gedichte über alle Kaiser von Karl dem Großen bis zum ollen Wilhelm 2. Und zu jedem der Herren gibt es noch ein hübsches Bildchen im typischen heroischen Stil des 19. Jahrhunderts. Hohe Dichteskunst ist sicherlich was anderes und für heutige Leser entwickelt die Reimeskunst auch eher unfreiweillige Komik, aber trotzdem eine nette Lektüre für den historisch interessierten Gedichtfreund.

Da sich natürlich literarische Texte hervorragend zum Vertonen eignen, ist der Anteil solcher Texte innerhalb unseres kleinen, leider etwas eingeschlafenen Projektes Gesprochene Wikisource sehr hoch. Und einige Perlen sind dort bereits zu finden Empfehlen kann ich insbesondere die von Kellerkind und Phantomkommando gesprochenen Werke. Hier zwei Links zu zwei gesprochenen Gedichten, die mir besonders gut gefallen (OGG-Format): An Land und Die Bürgschaft. (Eigentlich wollte ich die beiden hier mit so einem netten Player einbinden, was mir aber noch nicht so recht gelungen ist. Deshalb auf diesem etwas unbequemeren Wege.)

Und noch eine Empfehlung zum Schluss. In den letzten Wochen wurde eine spezielle Seite für Autorinnen aufgebaut, die Texte in Wikisource und andere Digitalisate im Internet auflistet. Da ist bereits einiges zusammengekommen. Viel Spaß beim Schmökern.

Wie immer konnte dieser Beitrag nur einen winzigen Ausschnitt über die Bandbreite an literarischen Texten bei Wikisource zeigen. Man hätte noch viel mehr Dichter und Autoren nennen müssen, wie z.B. Dante, Fontane, Annette von Droste-Hülshoff u.v.a.m.

Hinweis:

Leider habe ich mir mit Einstellen dieses dritten Teils den zweiten Teil (der war über die wissenschaftlichen Texte) zerschossen. Ich konnte den Text zum Glück aus einem Backup wiederherstellen, aber leider sind die Kommentare weg. Und die Bewertungen dieses Teils sind nun hier. Kann man leider nichts machen. Aber besser so, als wenn der Text komplett verschwunden wäre.

Könige unter sich

Die Arbeit bei Wikisource kann einen auch mal zum Schmunzeln bringen, auch wenn man denkt eher einen langweiligen Text abzutippseln. Ich habe heute ein paar Chronik-Einträge abgeschrieben und diese kleine Geschichte dabei gefunden:

Item do man zalt. M.cccc.xc. Do hatten die deütsche nacion ein groß bewegung gegen den frantzosen von wegen der Hertzogin von Britannien / alß die Maximiliano Römschem Künig vermahlet was / vnd in deütsche land wolt ziehen durch Carolem den Künig von franckreich gefangen / vnd zuo der Ee genummen / vnd Margaritam die dochter wider Maximiliano gesant. Do durch. v. hundert deütscher knecht / bey einer stat genant Selyn bewegt vnd antzünt / gesigten. gegen. v. dausent frantzosen / die sie erschluogen vnd verjagten.

Ist aber auch gemein. Da sucht sich der Maximilian 1490  eine holde Adelsbraut aus der Bretagne aus und dann fängt der französische König diese auf der Reise an den Hof Maximilians ab und ehelicht sie einfach selbst. Stattdessen schickt er die Tochter Maximilians Margarete zurück, mit der er schon seit einigen Jahren verlobt war und die bereits am französischen Hof lebte.

Aber wenn ich mir die Bilder der beiden Damen in der Wikipedia so anschaue, kann ich den guten Karl schon ein wenig verstehen. Und dass man sich hinterher deswegen ein wenig in die Haare geriet, ist ja nur allzu verständlich. So ging man unter Königs damals eben miteinander um.

Erweiterung für PDFs

Wie uns gerade Xarax im Chat stolz berichtet hat, hat er soeben eine Erweiterung für die Mediawiki-Software fertiggestellt, die die Möglichkeit bietet, auch in PDF-Dateien auf den Bildbeschreibungsseiten zu blättern, ohne vorher die Datei herunterzuladen und dann in einem externen PDF-Viewer anzuschauen. Eine ähnliche Funktion existiert bereits für DJVU-Dateien, so ähnlich hier hier schaut auch die Erweiterung für PDF aus. 

Und viel wichtiger für Wikisource: Damit können auch PDF-Dateien in die interne Korrekturlesefunktion eingebunden werden. Vorher mussten aus den PDF-Dateien die Bilder extrahiert werden und einzeln auf Commons hochgeladen werden. Hoffen wir, dass diese Funktionalität bald zur Verfügung steht.

Wikisource -Themen und Projekte, Teil 1

Kommen wir also heute zum zweiten Teil meiner kleinen Reihe über Wikisource. Wie beim letzten mal angedeutet möchte ich diesmal die in Wikisource vertretenen Themen und einige größere Projekte vorstellen.

Nach meiner Beobachtung bietet Wikisource eine wesentlich größere thematische Bandbreite an Texten als andere ähnliche Projekte. Die meines Erachtens drei großen Standbeine von Wikisource sind folgende Themengebiete:

  • Historische Texte (z.B. Flugschriften, Handschriften, Gesetze und Vorschriften, Chroniken, Beschreibungen) und wissenschaftliche Aufsätze zur Geschichte die mittlerweile gemeinfrei sind
  • literarische Texte, wie z.B. Gedichte, Novellen, Romane
  • naturwissenschaftliche Texte

Der dritte Punkt ist eines der ganz wichtigen Unterscheidungsmerkmale zu anderen Projekten und auch zu anderen Sprachausgaben von Wikisource, denn solche Texte sind woanders kaum zu finden. Dass wir mittlerweile einige historische wissenschaftliche Aufsätze vorweisen können, ist eher dem Zufall zuzuschreiben, denn einer bewussten Entscheidung. Seit Anfang an arbeiten nämlich einige Leute mit, die nicht aus der historischen Ecke kommen oder sich für Literatur interessieren, sondern die eine naturwissenschaftliche Ausbildung haben und damit wird auch klar, dass ihre Interessen eher bei mathematischen, biologischen oder physikalischen Texten liegen. Und wie es so oft ist, wenn man erst mal mit sowas anfängt, gibt es andere die dadurch angeregt werden mitzuarbeiten und weitere naturwissenschaftliche Texte einstellen.

Kommen wir zu den konkreten Texten díe wir mittlerweile bei Wikisource haben. Die Auswahl ist völlig subjektiv und zufällig und andere hätten sicherlich eine andere Auswahl getroffen. Trotzdem sollte diese ein gutes Bild über die Fülle an Texten bieten, die den Leser erwarten.

Fangen wir mit den Klassiker von Wikisource an. Das sind für mich die Projekte, die wir auch schon mal aktiv in Pressemitteilungen beworben haben und die meist auftauchen, wenn die Rede auf Wikisource kommt. Da müssen wir natürlich als allererstes Projekt die Zimmerische Chronik nennen. Dies ist die Familienchronik der schwäbischen Herren von Zimmern und stellt eine herausragende Quelle zur Adelskultur des 16. Jahrhunderts, deren Werte und Familienleben, aber auch zur Volkskultur und mit ihren vielen Schwänken und unterhaltsamen Geschichten aber auch zur Erzählforschung dar. Ursprünglich wurde diese Chronik in einer Handschrift niedergelegt. In Wikisource wurde die Ausgabe dieser Chronik von Karl August Barack transkribiert, die im Jahre 1880 erschien.

Die Chronik war im Februar 2006 das erste grosse Projekt von Wikisource und die Fertigstellung hat insgesamt über 10 Monate gedauert. Ich hatte die Ehre die 2500 Seiten durch meine OCR-Software zu jagen und die einzelnen Seiten hochzuladen. Viele andere fleissige Helfer haben sich hingesetzt und all diese Seiten zweimal korrekturgelesen. Und ich muss sagen, wir waren unheimlich stolz als das Werk geschafft war. Dieses Projekt hat gezeigt, dass Wikisource lebensfähig ist und auch eine kleine Truppe in der Lage ist Grosses zu stemmen.

Das zweite Projekt was im Frühsommer 2006 durch die Presse und auch durch den Heise-Newsticker gejagt wurde, war das Rechenbuch des Andreas Reinhardt. Das ist ein Mathematiklehrbuch aus dem 16. Jahrhundert, was interessanterweise als Handschrift vorliegt, obwohl zu dieser Zeit der Buchdruck schon längst seinen Siegeszug angetreten hatte. Das Original wurde uns freundlicherweise durch eine hamburgische historische Gymnasialbibliothek zur Verfügung gestellt und die Kosten der Digitalisierung in Göttingen hat der Verein Wikimedia Deutschland übernommen. Leider ist die Transkription des Werkes noch nicht abgeschlossen, aber das was bisher hier geleistet wurde, entspricht den höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen an solch eine Edition und die Fertigstellung wird sicherlich auch nicht mehr allzulang auf sich warten lassen.

Und da ja das Korrekturlesen der Zimmerischen Chronik und das Entziffern einer alten Handschrift die nimmermüden Wikisourcler nicht wirklich ausfüllt, wurden natürlich auch neue Projekte begonnen und alte fortgesetzt. Deshalb nun eine kleine Übersicht über die naturwissenschaftlichen Texte in Wikisource

Naturwissenschaftliche Texte

Ein schon seit 2004 brachliegendes Projekt, im Wikisource-Jargon eine Projektruien, wurde dank der neu hinzukommenden Mitarbeiter fortgesetzt und zumindest einmal korrekturgelesen, die Insectenfressende Pflanzen. Vom deutschen Mathematiker Bernhard Riemann gibt es die Karl Hattendorf mitgeschriebenen, ausgearbeiteten und im Jahre 1880 veröffentlichten Mitschriften seiner Vorlesungen mit dem Titel Schwere, Elektricität und Magnetismus. Problematisch bei diesem Buch sind die vielen mathematischen Formeln, die sich einer OCR widersetzen und deshalb per Hand in Wiki-Tex nachgesetz werden mussten, was einerseits einiges an Tex-Kenntnissen aber auch an Fachkenntnissen erfordert.

Eines der etwas grösseren Projekte das auf Grund der Faszination des Textes und des Themas in sehr kurzer Zeit fertig gestellt werden konnte, ist Die Ursache des Einschlagens vom Blitze von Johann Albert Heinrich Reimarus aus dem Jahre 1769. Dabei handelt es sich um die erste deutschsprachige Monografie zum Thema Blitz und Blitzableiter. Dieses wissenschaftliche Werk ist sehr gut lesbar und vermittelt einen sehr guten Eindruck über die Schäden die Blitze jahrein, jahraus in den Städten und Dörfern anrichtete und zeigt wunderbar den Kampf der naturwissenschaftlichen Erkenntnis gegen alten Aberglaube und Unwissen. Und für mich waren besonders interessant die Schilderungen Reimarus‘, wie er den Folgen von Blitzeinschlägen nachforscht. Anhand seiner Schilderungen hatte ich sofort das Bild eines Mannes im Kopf, der in der typischen Kleidung seiner Zeit, die wir ja aus diversen Filmen kennen, auf Kirchtürmen und anderen Gebäuden seiner Heimatsstadt Hamburg herumklettert und für seine Zeitgenossen wahrscheinlich ein wenig wunderlich wirkte.

Ich konnte hier nur einen sehr kleinen Ausschnitt aus den naturwissenschaftlichen Texten bei Wikisource geben. Derjenige der in historischen naturwissenschaftlichen Texten weiterschmökern möchte , dem empfehle ich unsere Fachkategorien: Physik, Mathematik, Technik, Biologie, Chemie

So das war ein erster Streifzug durch die Texte bei Wikisource. Da dieser Beitrag ansonsten viel zu lang geworden wäre, werde ich das nächstemal fortsetzen mit der Vorstellung von historischen und literarischen Texten. Und wenn der Platz reicht auch ein paar amüsante, interessante und kuriose Texte vorstellen. Ansonsten gibt es eben noch einen dritten Teile von „Wikisource – Themen und Projekte“. Einen gesonderten Beitrag werde ich den bei Wikisource vertretenen Lexika und Enzyklopädien widmen und auch das Für und Wider innerhalb der Community versuchen darzustellen.

Bildernachweis:

  • „Hochauflösender Scan im Göttinger Digitalisierungszentrum“, Fotograf: Heiko Hornig, Lizenz: CC-BY-SA 2.5

Fußnoten

Bezüglich Fußnoten hatte ich ja in der wissenschaftlichen Literatur schon so einiges erlebt. Aber eine Seite die nur aus der Fortsetzung einer Fußnote einer vorhergehenden Seite besteht, war mir bis dahin auch neu. Zu finden ist diese im 5. Band von Posses „Die Siegel der Deutschen Kaiser und Könige“.

Warum die Jungs nicht einfach das was sie sagen wollen in den normalen Text einbauen oder ein extra Kapitel bauen oder ähnliches, sondern alles in die Fußnoten quetschen, so dass ein Text zu 90% nur noch aus Fußnote besteht, wird sich mir nie erschließen. 

Kleine Statistik

 Da Joergens.mi, einer unser aktivsten und fleißigsten Mitarbeiter bei Wikisource, gerade alle Texte erfasst, die wir mittlerweile als Scan nach Commons hochgeladen haben, hier mal die Zahlen die er dabei gewonnen hat:

  • auf Commons befinden sich die Scans von knapp 700 Büchern und rund 400 kürzeren Texten
  • diese liegen vor in Form von mindestens 75504 gescannten Seiten bzw. Dateien  (z.B. PDF, djvu)
  • damit stammen etwas über 4% der Dateien auf Commons vom deutschsprachigen Wikisource-Projekt

Man muss aber dazu sagen, dass wir noch längst nicht all diese Texte direkt in Wikisource als elektronischen Text verfügbar machen konnten. Es liegt also noch viel Arbeit vor uns.

Alle Scans auf Commons kann man in der  Liste der Scans auf Commons finden.

Update:

Wir haben noch mal ein bisschen rumgespielt, um noch ein paar Zahlen zu erhalten, wieviele Werke mittlerweile bei Wikisource vorhanden sind und sich in einem präsentablem Zusatnd befinden. Zu beachten ist dabei, dass ein Werk ein kurzes Gedicht oder auch ein komplettes Buch wie die Zimmerische Chronik umfassen kann. Hier die Zahlen:

  • rund 2900 Werke wurden bereits zweimal korrekturgelesen und befinden sich damit im Status „fertig“
  • etwa 1000 Werke wurden einmal korrekturgelesen und befinden sich im Status „korrigiert“
  • insgesamt umfasst Wikisource rund 5300 Werke

Da grosse Werke, wie z.B. Bücher auf Unterseiten verteilt werden, gibt die Zahl von 8.600 Wiki-Seiten die den Status „fertig“ tragen, wesentlich besser wieder, welche Arbeit in den letzten anderthalb Jahren bei Wikisource geleistet wurde.

Benutzerseiten bei Wikisource

Irgendwie scheint die Arbeit an den alten Texten auch auf die Nutzer bei Wikisource abzufärben. Mittlerweile gibt es schon zwei Nutzerseiten, die in einem etwas angestaubten Deutsch verfasst sind, aber witzig zu lesen sind und wo diese altertümliche Sprache dem Ganzen den gewissen Reiz verleiht. Viel Spaß beim Lesen und bei Verständnisproblemen einfach auf der Diskussionseite nachfragen.