Mai 05

Als kleine Ergänzung für den neuesten Artikel von Felistoria Datei:Kladderadatsch1878.423..reichshund.2.jpgüber den Reichshund, habe ich mich bereit erklärt zwei kurze Gedichtlein über die Hunde von Bismarck abzutippseln. Und wie von ihr angedroht, sind es wahrlich zwei hochwertige Exemplare der deutschen Dichtkunst des 19. Jahrhunderts.

Als erstes das Gedicht An den Reichshund aus der Satirezeitschrift Kladderadatsch. Die Hintergründe zu dem Gedicht sind im Artikel gut erklärt.

Aedler Sultan, Hund der Hunde,
Von dem das Wochenblättlein spricht
Im kleinsten Nest der Erdenrunde,
O Sultan, du gefällst mir nicht!
Ich kann das Beißen gar nicht leiden,
Das dir im wilden Blute steckt;
Und läßt es sich ganz vermeiden,
So wähl’ doch besser dein Object.

Man weiß, wie beim Congreß dolose
Getrieben du dein schlimmes Spiel,
Und wie dir Rußlands Gala-Hose,
Die stattliche, zum Opfer fiel.
Vor Knickebeinen, die zum Gehen
Zu schwach sind, wichst du nicht zurück;
O Sultan, du mußt selbst gestehen,
Fürwahr, das war kein Heldenstück!

Dann hast mit frevelhaften Bissen
Der Herrin, die dir wild gebeut,
Du tückisch das Gewand zerrissen
Und zähnefletschend sie bedräut.
Die Dame, welche du vor Allen
Ein Freund und Schützer solltest sein,
In blindem Wüthen anzufallen,
Das, Sultan, scheint mir recht gemein!

Als du den Herrn zur salz’gen Quelle
Begleitet an der Saale Strand,
Schritt täglich über seine Schwelle
Ein Mann in schwärzlichem Gewand.
Zur Tafel war er mitgenommen;
Allein so oft dies auch geschah,
Nicht hat dein Herr ihn satt bekommen,
Stets war der Würd’ge wieder da.

Stets trat die prallste aller Waden
Im Seidenstrumpf zu dir herein;
Ach, diese Seidenstrümpfe laden
Zum Anbiß gar verlockend ein!
Doch nichts hört man von neuen Fehden,
Es sprach von dir nicht ein Gericht;
Du Krone aller Quadrupeden,
O Sultan, ich versteh’ dich nicht!

Kladderadatsch

und das zweite etwas kürzere von Karl Henckell aus der Abteilung Aus einem Notizbüchlein der Liebe:

Der Kaiser ist heiser, der Reichshund bellt,
Bald geht aus den Fugen die ganze Welt.

Wir sitzen auf freier Brüstung und schau’n
Auf lächelnde Thäler, auf sonnige Au’n.

Ein Blick in die Ferne, ein Blick nach dir,
Der Himmel dort oben, der Himmel hier.

In diese Himmel wollen wir lugen,
Und ginge die ganze Welt aus den Fugen.

Warum hier der Reichshund auftaucht und was uns dieses Gedichtlein sagen möchte, wird wohl ewig ein Geheimnis des Dichters bleiben.

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Feb 22
Datei:Kaulbach Tandaradei.jpg

Zeichnung zum Lied von Wilhelm von Kaulbach

Vor einer geraumen Weile hatte ich mal über unsere Transkription des bekannten Gedichtes Under der Linden von Walther von der Vogelweide aus dem Codex Manesse und meine Begeisterung über dieses Gedicht berichtet.

Mittlerweile haben wir auf Wikisource von diesem Gedicht zehn Versionen zu bieten. Mit Unterm Lindenbaume von Adalbert Schroeter (vielen Dank an Paulis dafür) sind es nun acht Übersetzungen ins Neuhochdeutsche, die Edition des mittelhochdeutschen Textes von Karl Lachmann und eben die Transkription aus dem Codex Manesse.

Für mich bleibt aber die Originalfassung weiterhin die schönste. Wie sagte Poupou damals in den Kommentaren:

tandaradei eben

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Feb 02

Heute mal aus aktuellem Anlass ein Gedicht:

Der Schnupfen

Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse,
auf dass er sich ein Opfer fasse
- und stürzt alsbald mit großem Grimm
auf einen Menschen namens Schrimm.
Paul Schrimm erwidert prompt: „Pitschü!”
und hat ihn drauf bis Montag früh.

 Christian Morgenstern

Dieses Gedicht haben wir leider noch nicht auf Wikisource, kommt aber sicherlich irgendwann.

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Dez 31

Anneke hat mir gerade folgendes Gedicht auf meine Diskussionsseite gepackt. Ich nehme den damit verbunden Wunsch einfach mal auf und wünsche Allen einen guten Rutsch und ein schönes neues Jahr 2009:

Der Glückwunsch
 
Ein Glückwunsch ging ins neue Jahr,
Ins Heute aus dem Gestern.
Man hörte ihn sylvestern.
Er war sich aber selbst nicht klar,
Wie eigentlich sein Hergang war
Und ob ihn die Vergangenheit
Bewegte oder neue Zeit.
Doch brachte er sich dar, und zwar
Undeutlich und verlegen.
 
Weil man ihn nicht so ganz verstand,
So drückte man sich froh die Hand
Und nahm ihn gern entgegen.
 
Joachim Ringelnatz
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Okt 01

Nach gemeinsamem Lesen im Chat haben wir es heute geschafft ein Liebes-Gedicht von Walther von der Vogelweide in Wikisource einzustellen. Auch wenn auf den ersten Blick alles recht klar aussieht, ist es doch schwieriger als erwartet ein Gedicht aus dem Codex Manesse zu transkribieren. Ich kannte es bisher nicht, aber es scheint eines der bekanntesten mittelalterliche Gedichte zu sein. Ich persönlich finde es sehr schön, auch wenn man sich in das Mittelhochdeutsche einlesen muss. Ich weiß nicht wem es ursprünglich gewidmet war, für mich ist einer Königin würdig.

Das Gedicht beginnt links unten in der letzten Zeilen. Wer mag kann ja vergleichen. Hier unsere Transkription:

Vnder der linden
an der heide
da vnser zweier bette was
da mugent ir vinden
schone beide
gebrochen bluomen vnde gras
vor dem walte in einem tal
tandaradai schone sanc dui nahtegal.

Ich kan gegangen
zvo der ovwe
do was min fridel komene
da wart ich enpfangen
here frowe
dc ich bin selig iemer me.
er kuste mich wol tvsent stunt.
tandaradei seht wie rot mir ist der munt.

Do hat er gemachet
also riche
von bluomen ein bette stat
des wirt noch gelachet innekliche
kvmt iemen an dc selbe pfat
bi den rosen er wol mac
tandaradei merken wa mirs havbet lac.

Das er bi mir lege
wesses iemen
nvn welle got so schamt ich mich
wes er mit mir pflege
niemer niemen
bevinde dc wan er vnd ich
vnd ein kleines vogellin
tandaradei dc mac wol getruiwe sin.

Und zumindest den ersten Teil gibt es auch gesungen im Netz:

 
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Update 30. Januar 2009:

Das mittelhochdeutsche Original nach dem Codex Manesse und einige neuhochdeutsche Übersetzung befinden sich auf der Themenseite Under der linden bei Wikisource.

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