Schlagwort-Archiv: Freies Wissen

Mrz 23 2012

Do what you can do – Eine Replik

Southpark hat heute in seinem Blog einen Beitrag gepostet, dessen Zielrichtung ich nicht verstehe und auch nicht verstehe was der Autor uns damit sagen möchte. Nun gut er möchte reflektieren über das was Freies Wissen im Allgemeinen und Wikipedia im Besonderen für die Welt bedeutet und worin die Zukunft der Wikimedia-Bewegung bestehen sollte. Da die Kommentarspalte eher für kürzere Texte geeignet ist, ich aber doch etwas genauer auf einige seiner Gedanken eingehen möchte, nehme ich seine Anregung zur Diskussion in Form dieser Replik auf.

In einem ersten Beitrag hatte sich Southpark bereits mit der Bedeutung Freier Lizenzen beschäftigt und zieht trotz der Kritik an seinen These weiterhin die Schlussfolgerung, dass diese für das Projekt eher randständig seien. Dass ich dies anders sehe, habe ich bereits ausführlich in den Kommentaren dargelegt. Deshalb nun zur Kritik des aktuellen Beitrages.

Katze als Entenmutter

Southpark stellt eine erste Grundthese auf:

 Grundthese: das, was Wikipedianer und Wikimedianer können, und was sie positiv von allen anderen abhebt, ist es eine Onlineenzyklopädie zu schreiben. Das mag jetzt auf den ersten Blick banal klingen, ist aber praktisch gar nicht so einfach.

Ich versteht das nicht (liegt vermutlich an mir). Beziehungsweise versteh ich nicht was er mir damit sagen möchte. Zumal er nicht vertieft was daran nicht so banal ist. Ich vermute was er sagen möchte, aber leider gibt es keine Hinweise, ob ich richtig liege.

Was mich aber wesentlich mehr stört ist der Umkehrschluss, der angeblich natürlicherweise möglich sei.

Und die Aussage erlaubt natürlich auch den Umkehrschluss, darüber was Wikipedianer und WIkimedianer nicht besser können als alles andere, und wo sie über keine besondere Kompetenz verfügen: alles außer eine Online-Enzyklopädie schreiben. Dann allerdings stellt sich die Frage: warum sollten sie es machen? Also jetzt nicht als Hobby, sondern mit großen Aufwand und quasi professionell?

Dieser Umkehrschluss ist aber eben nicht möglich, denn selbstverständlich sind Leute, die die Wikipedia schreiben in der Lage andere Dinge ebenso gut zu machen. Der erste Grund ist, weil diese Enzyklopädie zum aller größten Teil nicht von ausgebildeten und in der Wolle gefärbten  Enzyklopädieschreibern gemacht wird. Viele haben einen Job, in dem sie hoffentlich proffesionell arbeiten oder sind über ihr Hobby zur Wikipedia gekommen. Oftmals ein Hobby, das sehr intensiv und en detail ausgeübt wird. Es gibt bereits eine riesige Bandbreite an Kompetenzen, die die in der Wikipedia Mitarbeitenden besitzen, was man bei einem simplen Besuch eines Stammtisches herausfinden kann.

Hinzu kommt, dass sich viele der Wikimedianer Fähigkeiten angeeignet haben, die weit über das Schreiben von Enzyklopädie hinausgehen: Fotografieren als Offensichtlichstes, Recherchieren, Riesige Datenmengen sortieren, kategorisieren und einordnen, Programmieren bis hin zu eher exotischere Fähigkeiten wie Handschriften der Frühen Neuzeit lesen. Da stellt sich eher die Frage, warum diese neu erworbenen und die bereits vorher vorhandenen Fähigkeiten und Kenntnisse nicht besser und effektiver nutzen? Wissen erschöpft sich eben doch nicht nur in Enzyklopädie.

Und nur am Rande sei angemerkt, dass für Southpark alle Wikimedianer irgendwie äquivalent mit Wikipedianern  nur Enzyklopädie schreiben oder fallen die (zugegebenermassen wesentlich kleineren) Schwesterprojekte unter die Frage: Warum sollten sie es machen?

simba-wikipedia

Anschließend führt Southpark einige Erfolgsfaktoren für die Wikipedia auf, denen ich weitestgehend zustimmen kann, auch wenn der letzte Punkt schlicht das Resultat der Entscheidung ist, ein Wiki zu verwenden und (so meine ganz private Vermutung) Google zumindest anfänglich das Ranking der Wikipedia ein wenig angehoben hat, auch wenn sie es nie zugeben werden.

Southpark schlussfolgert daraus aber wieder sehr steil und auch wieder ohne Begründung:

Das können Wikip/medianer, und darum sollten sie es machen. Bei allen anderen Aktivitäten, bedarf es schon erheblicher Rechtfertigung, warum ausgerechnet Wikip/media sich dafür zuständig fühlen sollte.

und

 Bei allen Tätigkeiten, die nichts mit Online-Enzyklopädie zu tun haben, unterscheiden sich Wikipedianer nicht groß von ihren Mitmenschen. Sie sind auch nicht kompetenter als eine zufällig in der nächsten Uni zusammengesammelte Auswahl wäre.

Aber wie oben ziehe ich eher den gegenteiligen Schluß daraus, dass Wikimedianer sich nicht groß von der Umwelt unterscheiden, alles andere fände ich eher erschreckend, als den Fakt dass Wikimedianer nicht nur Lexikon schreiben.

Wie bereits gesagt Wikip/medianer haben über das Enzyklopädieschreiben Kompetenzen die auch für die Schaffung freien Wissens genutzt werden können und  werden. Zumal viele dieser Kompetenzen in einem langen und erfahrungsreichen Berufsleben erworben wurden und das Enzyklopädieschreiben erst in den letzten Jahren mühsam erlernt wurde. Ich für mich kann ziemlich gut einschätzen, ob ich ein besserer Programmierer, Enzyklopädieschreiber oder Transkriptor frühneuzeitlicher Handschriften bin.

Real Life. Wissen hinterhertragen. Es pädagogisch organisieren. Dafür Lobbying zu betreiben. Stände zu betreuen. Auf Messen zu gehen. Kompetente Ansprechpartner finden. Natürlich sind wir keine Totalversager in den Bereichen, und mittlerweile gibt es ja auch professionelle Hilfe. Aber wenn man in einem Bereich das weltbeste ist, fällt Brot-und-Butter-Arbeit in den anderen Bereichen natürlich viel mehr auf.
Sind wir pädagogisch besser als echte Pädagogen? Keinesfalls. Haben wir besondere Erfahrungen damit, Wissen offline zu vermitteln?

Gegenfrage:Vermitteln wir wiklich das Wissen, dass in der Wikipedia steht oder vermitteln wir nicht das Wissen über Wikipedia? Organsieren wir wirklich das Wissen pädagogisch oder wollen wir nicht eher dafür sorgen, das Pädagogen das gesammelte Wissen für ihre  Arbeit nutzen? Tragen wir das Wissen aus der Wikipedia/Wikisource/Wiktionary wirklich jemandem hinterher oder  versuchen wir nicht eher, dass Menschen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in die Projekte tragen? Vermitteln wir nicht eher Wissen ÜBER die Wikipedia und die anderen Projekte als Wissen AUS der Wikipedia und den anderen Projekten?

Da stellt sich eher die Frage: Wer soll denn sonst das Wissen ÜBER Wikipedia und Co. vermitteln, als denn wir? Und das wir das nicht so gut machen, wie ausgebildte Ausbilder, ist klar. Aber er erkläre mir, wie es denn sonst gehen soll.

Blödes Fernsehprogramm

Mein Fazit aus diesem Blogbeitrag von Southpark ist, dass dieser die Diskussion meines Erachtens nicht voranbringt.

Erstens wird der Einfluss und die Wichtigkeit der Freien Lizenzen für das ganze Projekt schlicht geleugnet, anstelle weiter zu diskutieren, ob das eigene Postulat wirklich stimmt und wie groß der Einfluss Freier Lizenzen wirklich ist oder eben nicht ist.

Zweitens wird der altbekannte Fehler gemacht Freies Wissen im Wikimedia-Universum auf Wikipedia und Enzyklopädie einzugrenzen. Dabei geht mal wieder die riesige Bandbreite an Wissensinhalten (Bilder, Texte, Wörterbuch, Lehrbücher etc.) flöten und die gezogenen Schlussfolgerungen können nur auf eher wackligen Füssen stehen.

Drittens erinnert mich die ganze Argumentation irgendwie an die Argumentation von Verlagen, Musik- und Filmunternehmen in Bezug auf das Internet. Weil es doch so wunderbar funktioniert und wir die Weltbesten sind, sollten wir uns am Besten nicht mehr ändern und alles so bleiben wie es ist. Und am besten sollte es in ein paar Jahren ein Wikipediaschutzrecht eingeführt werden und jeder der nicht innerhalb der letzten zwei Monaten mindestens einmal in der Wikipedia (die Schwesterprojekte gülden nicht) nachgeschlagen hat, sollte verwarnt werden und beim dritten Mal sollte sein Internet-Anschluss gesperrt werden.

Kurz und gut: Die Gedanken von Southpark sind in meinen Augen schlicht Wikipedia-Konservatismus und Wikipedia-Elitarismus. Keine Ahnung ob er das ernst meint oder nur provozieren möchte. Ich hoffe mal zweiteres und er hat ja offenbar sein Ziel erreicht. Und ich gebe zu die Bildauswahl von Southpark ist natürlich wesentlich subtiler :-)

Jan 19 2012

Gedanken zu Ingenieuren und Freiem Wissen

Gerade wurde von Gustavf im Wikisource ein Vergleich gezogen, der mir sehr gefällt:

Die Naturwissenschaften sind, anders als z. B. die Jurisprudenz oder die Theologie, “akkumulativ”, d. h. jeder Fortschritt, den Sie erarbeiten, geht in das kollektive Menschheitswissen unverlierbar ein und befruchtet weiteren Fortschritt. (Zitat aus http://www.ingenieur-kultur.de/sources/vorwort.pdf)

Freies Wissen ist also nichts anderes als eine Weiterentwicklung des Ingenieursgedanken.

Das freies Wissen und unser kulturelles Gedächtnis nicht nur durch aktuelle Gesetze wie SOPA bedroht ist, zeigt eine Diskussion zu einem US-Gesetz aus dem Jahr 1996 auf Wikimedia Commons, unter dem nicht nur Commons leiden würde, sondern auch die Wikipedia, Wikisource und die anderen Projekte, die Medien aus Commons einbinden. Hinzu käme, dass die entsprechenden Texte auf Wikisource ebenfalls gelöscht werden müssten.

Zitat von Achim Raschka auf der Mailingliste des deutschen Wikimedia-Vereins:

[S]ollte es wirklich in der Folge zur Löschung von tausenden Bildern (von tausenden nach deutschem Recht gemeinfreien Bildern!), u.a. von zahlreichen Künstlern der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert und eigentlich des gesamten Bildmaterials seit 1915, dann haben wir – ganz konkret WIR – das Ziel, wofür wir stehen, verfehlt. Wenn wir nicht in der Lage sind, Liebermanns Selbstbildnisse und Corinths Spätwerk in der deutschsprachigen WP zu zeigen, obwohl es vollkommen unzweifelhaft nach deutschem Recht legal und gemeinfrei ist, sollten wir das Thema “Förderung Freien Wissens” aus unserer Agenda streichen.

Sep 26 2011

Sie dürfen diese Arbeit missbilligen oder Es gibt nichts zu editieren

Poetry Slam über freies Wissen anläßlich der Vorstellung des Wikipedia-Buches gestern in Berlin:

Text und Vortrag: Khesrau Behroz,  CC-BY-SA 3.0

Mehr Infos zu diesem großartigen Vortrag und den vollständigen Text gibt es im entsprechenden Blogbeitrag bei Wikimedia Deutschland.

Jul 15 2011

Infobrief des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages über Wikipedia und Co.

Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages hat Anfang Juli 2011 eine Analyse des ehrenamtlichen Engagements für frei verfügbares Wissen in Internet, insbesondere in Form der Wikipedia,  erstellt. Der Infobrief ist eine lesenswerte, allerdings nicht allzu tief schürfende, Lektüre. Offenbar gemeint als eine erste Einführung für nicht ganz so Wikimedia-affine Abgeordnete. Daran mitgearbeitet hat auch ein recht bekannter Wikipedianer, einfach mal bei den Autoren nachschauen.

Ein Zitat die unsere Volksvertreter hoffentlich zum Nachdenken anregt, von wegen Urheberrecht, Open Data, staatlichen Inhalten unter freien Lizenzen und Ahnlichem:

Derartige weltweite Wissensangebote stiften zweifellos einen großen gesellschaftlichen Nutzen. Es sind Angebote, die in dieser Art –Vielfalt, Tiefe und Weite – vielfach nicht kommerziell angeboten werden können. Es gibt sie dennoch. Sie tragen ganz offensichtlich maßgeblich zum Erfolg des Internets und zum Weltgemeinwohl bei.

Download (PDF): Entwicklung und Bedeutung der Wissensangebote (178)

[Via Avatar bei Google+]

Optimization WordPress Plugins & Solutions by W3 EDGE